Eric Gujer beklagt, dass die Staatsgläubigkeit in allen Teilen der Gesellschaft, bei Lohnabhängigen und im privaten Unternehmertum, gewachsen sei. Was sicher gewachsen ist, ist der Teil der Bevölkerung, der ökonomisch und sozial vom Staat abhängig ist. Aber wurden diese Menschen dadurch staatsgläubig? Viele erleben diese Abhängigkeit mit tiefem Unbehagen. Sie haben Angst, dass der Staat sich überfordert, sodass er sie früher oder später fallen lassen muss. Wer staatliche Corona-Kredite und Corona-Bürgschaften beansprucht, kann nicht wissen, ob er an der Rückzahlung scheitern wird.
Tatsächlich war in der ersten Phase die Unterstützung für den Bundesrat gross. Aber die Demontage hat bereits begonnen. Wer in einer gefährlichen Lage in rascher Folge schwerwiegende Entscheide fällen muss, macht notwendigerweise Fehler. Auch schwere. Und gerade zur Vorbereitung des Kampfs um die Nach-Corona-Ordnung ist das Interesse gross, das Krisenmanagement vom Sockel zu stossen.
Krisen- wie Kriegsführer leben gefährlich – selbst Winston Churchill wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr wiedergewählt, erster Nachkriegs-Premier wurde der Sozialist Clement Attlee. Vielleicht schaffen es Parteien und Verbänden, dass eine Mehrheit der Bevölkerung nächstes Jahr die Gesichter von Berset, Sommaruga, Parmelin nicht mehr sehen mag – und irgendwen wählt, wenn er oder sie nur für etwas ganz Anderes steht und eintritt. Man mag darüber spekulieren.
Nicht spekulativ ist die Aussicht auf ungewohnt hohe Arbeitslosenzahlen, viele Konkurse und verbreitete Armut. Und alle, die direkt davon betroffen sind, haben ein menschliches Umfeld, das mit ihnen leidet und sich für sie einsetzen will. Wer sich für einen Nach-Corona-Liberalismus einsetzen will, tut gut daran, sich darauf vorzubereiten, wie man damit umgeht. Welcher Liberalismus geniesst noch wieviel Vertrauen? Die Zukunft des Wirtschaftsliberalismus wird davon abhängen, ob und wie die Privatwirtschaft das Vertrauen in sie wieder stärken kann.
Es werden vermehrt radikale Positionen verfochten werden, links und rechts, und mit starker Resonanz bei Enttäuschten und Verzweifelten. Aber wer für einen sozialen Staat eintritt, wird sich darauf besinnen müssen, dass dieser auf starke privatwirtschaftliche Leistungen und auf Export schweizerischer Waren und Dienstleistungen angewiesen ist.
So bleibt die Hoffnung, dass nach Corona eine Koalition der Vernunft ein sozialliberales, die Schweiz gegenüber Europa und der Welt nicht abschottendes Programm mehrheitsfähig macht.