Sie befinden sich hier:

Dem „Konkordanz“-System der unverbindlichen Regierungsbeteiligung droht das Ende.

Dass eine Bundesratspartei ihre Regierungsmitglieder zu einflusslosen Randständigen degradiert und als Mittäter einer Diktatur hinstellt, kann kaum von Dauer sein. Aber das Ende der Zauberformel-„Konkordanz“ brächte FDP und Mitte in eine schwierige Lage. Denn gleichzeitig radikalisiert sich die Linke.

Aus dem Kommentar von Philipp Loser im „Magazin“ des Tages-Anzeigers vom 27.2.21:

„(…) So ätzend und offen feindselig gegenüber der Landesregierung war die SVP noch nie. Selbst den Schutz der eigenen Vertreter im Gremium – so wie es Fraktionschef Thomas Aeschi die vergangenen Monate wiederholt versucht hat (Parmelin und Maurer werden imfall ständig überstimmt!) – hat die Partei inzwischen aufgegeben. Stattdessen ist die SVP in einen Showdown mit dem Bundesrat getreten, bei dem die FDP übrigens auch gerne mitmachen würde, aber sich noch nicht so richtig getraut.

Seit zwei Jahrzehnten oszilliert die Volkspartei zwischen Opposition und Regierung. Nun scheint sie sich entschieden zu haben. Fair enough. Jetzt muss sie allerdings die Grösse haben, den nächsten Schritt zu machen: Wer so einfährt und alle anderen zu Feinden deklariert, der braucht nicht gleichzeitig zwei Bundesräte. Sondern gar keinen.“

*

Diese Entwicklung bringt FDP und Mitte in eine schwierige Lage. Zieht die SVP aus dem Bundesrat aus – oder entscheidet sich die Bundesversammlung nach den Wahlen 2023 für einen Bundesrat ohne SVP -, finden sich FDP und Mitte als alleinige Regierungspartner einer Linken, die in Radikalisierung begriffen ist. Das wird nicht wirklich eine Koalition sein, denn für eine Koalition fehlt es an Gemeinsamkeiten.

Trotzdem wird man von den verbleibenden Regierungsparteien mehr Geschlossenheit erwarten – eine Erwartung, die sie höchstens teilweise, und vor allem stilistisch, erfüllen werden. Vor allem die FDP müsste wohl, wenn sie in einem Bundesrat ohne SVP bleibt, das Doppelspiel Regierung- und Oppositionspartei lernen, um sich von Teilen ihrer Basis nicht zu sehr zu entfremden.

Wenn FDP und Mitte aber um jeden Preis an der Bundesratsbeteiligung einer oppositionell entfesselten SVP festhalten, droht ihnen ein Glaubwürdigkeitsverlust bis hin zur Peinlichkeit.

Interessant wird sein, was die Grünliberalen dieser Entwicklung abgewinnen können.

*

Zum Schluss noch dies:

SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli im Interview mit dem Tages-Anzeiger (27.2.21) zu Äusserungen ihrer Partei:

„Corona eignet sich nicht für Parteipolitik. Wir können die Krise nur gemeinsam meistern. Statt zu streiten, sollten wir uns freuen, dass ab Montag wieder vieles möglich ist.“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Werden geflohene Afghaninnen je zurückkehren können?

Zum Streit um den Familiennachzug geflohener Afghaninnen: Wer wagt eine Prognose, wann sie in ihre Heimat zurückkehren können? Und somit: Wie lange will man ihnen zumuten, ohne ihre engsten Angehörigen leben zu müssen? Nichts, aber auch wirklich gar rein nichts lässt einen Machtverlust der Taliban und damit eine Wiederherstellung der Frauenrechte in Afghanistan erhoffen oder gar vorhersehen.

Weiterlesen »

René Rhinow greift noch einmal ein

René Rhinow*, 1987 bis 1999 FDP-Ständerat des Kantons Basel-Landschaft, gehört zu den führenden Vertretern eines europa- und weltoffenen, sozial, ökologisch und sicherheitspolitisch verantwortungsbewussten, konkordanzbereiten schweizerischen Liberalismus. Mit einem Buch unter dem Titel «Plädoyer für eine offene Schweiz» greift er nochmals ein: In die Auseinandersetzung über den Weg der Schweiz durch die weltpolitischen Umwälzungen.

Weiterlesen »

Selbstüberschätzung – Risikofaktor der Schweiz.

Was auch immer in der Schweiz schief läuft – die verbreitete Überzeugung, „wir“ seien ja immer noch, und für alle Zeiten, viel besser als das Ausland, verhindert Reformen. Zwei Beispiele, die der schweizerischen Selbstüberschätzung entgegenwirken müssten: Europapolitik und Krise der Strafjustiz.

Weiterlesen »