Sie befinden sich hier:

Wie kann die Schweiz ihre Interessen in Europa realistisch und wirksam vertreten?

Hoffnungen, dass der Rücktritt des EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker die Vertretung schweizerischer Interessen gegenüber der EU erleichtere, seien unbegründet, schreibt Chefredaktor Luzi Bernet in der „NZZ am Sonntag“ vom 3.11.19. Er hat recht. Dazu kommt, dass sich Bundesrat und Diplomatie nicht nur in Brüssel, sondern auch bei den Regierungen der Mitgliedstaaten um Verständnis und Anerkennung für die Bedürfnisse und Forderungen unseres Landes bemühen müssen.

Link zum Kommentar von Luzi Bernet.

Es war schon immer klar, wird aber weitgehend verkannt: In der EU sind es die Regierungen der Mitgliedstaaten, welche bei wichtigen Entscheidungen das letzte Wort haben. In den Wirren um die Nachfolge  Junckers im Kommissionspräsidium fiel die Macht der Regierungen krass ins Auge: Zuerst verhinderten die autoritären Ostmitteleuropäer die Wahl Frans Timmermans‘, weil er  für Rechtsstaatlichkeit zuständig war. Dann stellte sich Macron dem Spitzenkandidaten-Prinzip entgegen und bildete eine Mehrheit für die Wahl Ursula von der Leyens.

Wenn die Schweiz die EU davon überzeugen will, die bilateralen Beziehungen mit eingeschränkter oder aufgehobener Personenfreizügigkeit oder zumindest mit privilegiertem Lohnschutz weiterzuführen, ist dies, wenn überhaupt, nur mit Zustimmung der Mitgliedstaaten möglich. Die Kommission könnte dies nicht gegen deren Willen durchsetzen, selbst wenn sie wollte. Die Schweiz findet nur zu einer illusionslosen und wirksamen Europapolitik, wenn sie bei den Mitgliedstaaten der EU die Möglichkeiten und Grenzen abklärt.

Die schweizerische Interessenvertretung bei den EU-Mitgliedstaaten hat noch einen anderen Vorteil: Sie führt zu einem realistischeren Blick auf das Szenario, dass die EU in Europa an Bedeutung verlöre oder ganz niederginge, wie man es in einem Teil des schweizerischen Parteispektrums erwartet oder gar erhofft. Wäre es wirklich von Vorteil für die Schweiz, wenn die Regierungen ihrer Nachbarstaaten und anderer für uns wichtiger Länder vermehrt, vielleicht eines Tages gar ausschliesslich, die direkten Verhandlungspartner des Bundesrats würden, ohne EU-Rahmen? Die Auseinandersetzungen, die wir schon bisher mit unseren Nachbarländern führen mussten – Stichworte: Fluglärm, Kernkraftwerke, Besteuerung, Grenzgänger -, lassen die Antwort erahnen.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Die Europa-Initiative ist nötig und verdient unsere Unterstützung

Organisationen, denen ein möglichst hindernisfreier Zugang zu den Märkten und Kooperationen in Europa wichtig ist, haben am Dienstag, 2. April 2024, eine Volksinitiative vorgestellt. Sie stellt sicher, dass Volk und Stände in etwa drei Jahren einen Grundsatzentscheid über die Beziehungen der Schweiz zur Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten fällen können – auch wenn sich Bundesrat, Parlament, Verbände und Gewerkschaften nicht auf die Vorlage von Verträgen und flankierenden Massnahmen einigen könnten.

Weiterlesen »

Den Regierungssitz stürmen – und dann?

Revolutionen gelingen nur, wenn sie durch Menschen geführt werden, die sich besser auf Machtgewinn und Machtausübung verstehen als der Machtapparat der bisher Herrschenden, und wenn die Führerinnen und Führer der Revolte die Machtmittel haben, diese zu stürzen. Eine hervorragende, historisch abgestützte Analyse von Volker Reinhardt in der NZZ vom 10.1.23.

Weiterlesen »

Der Niedergang der Beziehungen Schweiz-EU kann sich über Jahre hinziehen

„Cassis würde gescheiter mit Maillard als mit Šefčovič verhandeln“ (D. von Burg, SonntagsZeitung 19.6.22). Richtig. Aber die Gewerkschaften bewegen sich wohl erst, wenn sie nicht mehr umhin kommen, reale Nachteile von Marktanteilsverlusten der Schweizer Wirtschaft für Schweizer Arbeitnehmende, für deren Löhne und Beschäftigung stärker zu gewichten als ihre Ablehnung des EU-Gerichtshofs in Luxemburg.

Weiterlesen »