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Verlangt die Sicherheit des Baltikums einen Sieg der Ukraine über Russland?

Die Meinung breitet sich aus, dass Putin fest entschlossen sei, auch die baltischen Staaten ins russische Imperium zu holen. Was dies militärstrategisch bedeutet und erfordert, ist weniger klar erkennbar.

Die NZZ zitiert in ihrer Ausgabe vom 14.6.22 einen estnischen Taxifahrer mit der Aussage, wenn die Ukraine das Donbass  nicht zurückerobere, seien die Moldau, Armenien und das Baltikum dran. Vielleicht eine realistische Prognose, aber eine unrealistische Bedingung. Kein ernsthafter Beobachter rechnet mit der Wiedereroberung des Donbass durch die Ukraine – es wäre denn, NATO-Staaten würden massiv mit Truppen in den Krieg eingreifen.

Eine solche Stimme aus dem Volk ist nur erklärlich aufgrund entsprechender Positionen führender baltischer Politikerinnen und Politiker. Die Regierungen der Ukraine, Polens und der baltischen Staaten erheben bereits einen Anspruch auf die Führung des westlichen Lagers, mit kräftiger publizistischer Unterstützung aus Deutschland und mehr noch aus der Schweiz. Sie versetzen vor allem Deutschland und Frankreich in einen sicherheitspolitischen Anklagezustand und wollen allein beurteilen können, wie Putin an der Ausweitung seines Imperiums gehindert werden kann.

Tatsache ist, dass ein Angriff Putins auf einen oder mehrere baltische Staaten ein NATO-Bündnisfall wäre. NATO-Staaten verstärken laufend ihre militärische Präsenz in den baltischen Staaten. Würde die russische Armee angreifen, wäre sie sofort im Krieg mit diesen NATO-Staaten und ihren Truppen.

Es ist zur Zeit völlig offen, ob Putin einen Angriff auf einen NATO-Staat wagen würde. Leider kann es nicht mit dem Argument ausgeschlossen werden, die russische Armee habe sich im Ukraine-Krieg als zu schwach hierzu erwiesen. Es gibt ein Szenario, dass Russland die baltischen Staaten anders angreifen würde als die Ukraine: Dass es ein schockartiger High-Tech-Angriff wäre, mit dem Ziel, Bereitschaft und Fähigkeit zum Widerstand schlagartig auszuschalten.

Angesichts des aktuellen Verlaufs des Ukraine-Kriegs kann sich die Strategie zum Schutz der baltischen Staaten nicht darauf beschränken, Russland in der Ukraine doch noch eine Niederlage zufügen zu wollen. Es ist unsicher, was unter Niederlage zu verstehen wäre und ob eine solche noch möglich ist, und es ist ebenso unsicher, ob eine Niederlage in der Ukraine Putin von einem Schlag gegen das Baltikum abhalten würde. Für die Sicherung des Baltikums braucht es militärische und politische Alternativen, einschliesslich weiterer Bemühungen, auf die russische Führung Einfluss zu nehmen. Von entscheidender Bedeutung ist die Widerstandsbereitschaft der NATO im Baltikum, aber auch eine flexible Sanktionenpolitik sollte nicht tabuisiert werden.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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