Sie befinden sich hier:

Spannungen im öffentlichen Raum – Empfehlungen und Appell aus der Jugendarbeit

In der kommenden warmen Jahreszeit werden Jugendliche vermehrt die Freiheiten geniessen, die sie nach dem Wegfall der Corona-Massnahmen wiedergewonnen haben. Einige werden über die Stränge schlagen – und bei Erwachsenen auf eine zunehmende Dünnhäutigkeit stossen. Aus der Jugendarbeit kommen nun Empfehlungen, wie Spannungen im öffentlichen Raum vermindert oder verhindert werden können, und ein Appell an die Behörden, die Jugendarbeit zu stärken. An die Öffenlichkeit getreten ist die Stiftung MOJUGA.

Die gemeinnützige MOJUGA Stiftung für Kinder- und Jugendförderung, seit über 30 Jahren tätig, leistet im Kanton Zürich  im Auftrag von 19 Gemeinden die Offene Jugendarbeit. Sie hat ihre Empfehlungen und ihren Appell in einer Medienmitteilung veröffentlicht, der ein Interview mit Stiftungsratspräsident Marco Bezjak beigefügt ist. Link zum Dokument.

Auszug aus der Medienmitteilung:

„In jüngster Zeit häufen sich Meldungen zu Gewaltvorfällen, in die Jugendliche involviert sind. Auch Littering- und Lärmklagen nehmen zu, seit der Frühling Einzug hält. Die MOJUGA Stiftung für Kinder- und Jugendförderung begleitet deshalb Jugendliche noch intensiver und appelliert gleichzeitig an Öffentlichkeit und Politik, ihren Teil zu einem friedlichen Sommer beizutragen.

Die Aufhebung der Massnahmen und das schöne Wetter führen dazu, dass der öffentliche Raum von Jung und Alt intensiver genutzt wird. Das Nebeneinander der Generationen war aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse schon immer konfliktträchtig. Nach der Pandemie beobachten Fachleute bei Jugendlichen beträchtlichen Frust und bei Erwachsenen eine zunehmende Dünnhäutigkeit. Beides dürfte das Konfliktpotenzial zusätzlich verschärfen. (…)

Dass die Situation angespannt ist, weist auch Marco Bezjak nicht von der Hand: «Unter den Jugendlichen herrscht Frust.» Die meisten hätten sich während der Pandemie vorbildlich verhalten, gleichzeitig aber auf vieles verzichtet, was die Jugend ausmacht. «Honoriert wurde das kaum», erklärt er. Diese Jugendlichen treffen nun auf Erwachsene, die sich an Ruhe im öffentlichen Raum gewöhnt haben. «Ich fürchte, die Frustrationstoleranz ist gesunken», sagt der Stiftungsratspräsident.

Dass viele Gemeinden versuchen, dem Problem mit Überwachungskameras, Sicherheitsdiensten und Platzverboten entgegenzuwirken, beobachtet die MOJUGA Stiftung mit Sorge. Damit signalisieren Erwachsene den Jugendlichen, dass sie maximal geduldet, statt dass sie im öffentlichen Raum willkommen sind. Restriktionen vergrösserten den Frust der Jugendlichen eher, als das sie Entspannung brächten, ist Marco Bezjak überzeugt. «Wir sollten anerkennen, dass sich Jugendliche emotional in einem Ausnahmezustand befinden, ihre Eskapaden nicht persönlich nehmen und trotzdem die eigene Haltung aufzeigen.» Wenn man Jugendliche im gleichen respektvollen Tonfall um Ruhe bittet, wie man das beim Nachbarn tun würde, habe man gute Erfolgsaussichten.

Die MOJUGA Stiftung setzt sich seit Jahren dafür ein, diesen Dialog zu fördern. Als zuverlässige und wertschätzende Gesprächspartner*innen nehmen die Jugendarbeitenden genau jene Rolle ein, die in einer tragenden Gesellschaft Erwachsene generell erfüllen sollten. Doch um eine flächendeckende und anhaltende Wirkung zu erzielen, ist eine Verzehnfachung der Ressourcen nötig. «Nachdem die Jugendlichen als grosse Verlierer aus der Pandemie gegangen sind, ist es nun an der Politik, diese Ressourcen bereitzustellen», so Marco Bezjak.“

*

Aus dem Interview mit Marco Bezjak, Stiftungsratspräsident und selbst ein erfahrener Jugendarbeiter:

Zur Frage, warum die Corona-Massnahmen für Jugendliche so einschneidend gewesen seien:

„In keinem anderen Alter ist der Kontakt mit Gleichaltrigen wichtiger und das Zusammenleben mit den Eltern herausfordernder. Familiäre Probleme verschärften sich während der Schulschliessungen massiv. Der zweite Lockdown beeinträchtigte das Lebensgefühl der Jugendlichen: Aus dem Ausnahmezustand wurde Alltag. Es war nicht absehbar, wann all das wieder möglich würde, was für Jugendliche wichtig ist: Unbeschwertes Zusammensein, Ausgang, küssen, wen man will. Auch die berufliche Zukunft erschien in einem düsteren Licht, da die Lehrstellensuche viel schwieriger wurde. In dieser Zeit kam es zu einer starken Zunahme an psychiatrischen Notfällen in dieser Altersgruppe.“

Zur Frage nach Möglichkeiten, dass Erwachsene und Jugendliche den öffentlichen Raum nutzen, ohne einander in die Quere zu kommen:

„Wir wissen von Jugendlichen, dass sie sich gerne an Orten treffen würden, an denen sie nicht stören. Gleichzeitig wollen sie aber auch nicht gestört werden. Von diesen Orten gibt es aber zu wenige. Dazu kommt, dass Jugendliche sich Räume nicht zuweisen lassen; sie nehmen sie sich selbst. Sinnvoll wäre deshalb, in Wohngebieten und Zentren Brachen freizuhalten, die Jugendlichen nach Bedarf temporär zugewiesen werden können, etwa für Skateranlagen, Bauwagen als teilbegleitete Jugendräume oder andere Projekte. Damit eine solche Nutzung funktioniert, braucht es eine kontinuierliche, fachlich geführte und behördlich beauftragte Offene Jugendarbeit, die über viele Jahre wirken kann. Jugendarbeitende sind in der Lage, Veränderungen in Befindlichkeiten der Jugendlichen zu erkennen, Verhaltensweisen für Entscheidungsträger zu übersetzen und flexibel darauf zu reagieren.“

Zum verbreiteten Mangel an Jugendarbeit:

„Die erwähnte Förderung des Dialogs findet nur in jenen Gemeinden statt, die eine Jugendarbeit installiert haben. Da es dazu keine gesetzliche Grundlage gibt, entscheidet jede Gemeinde selbst, ob und wie viel Jugendarbeit sie anbietet. Selbst im reichen Kanton Zürich gibt es bloss in gut zwei Dritteln der Gemeinden eine Jugendarbeit und diese ist meist viel zu klein dimensioniert. Ein*e Jugendarbeiter*in mit 100 Stellenprozent kümmert sich in Durchschnitt um rund 500 12- bis 18-Jährige. Zu einer solchen Menge vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen ist unmöglich.“

*

Am Mittwoch, 28. September, führt die MOJUGA Stiftung das Sicherheitsforum „Konflikte im Öffentlichen Raum“ durch. Eingeladen sind Behördenmitglieder, Verwaltungsmitarbeitende, Kommunal- und Kantonspolizeidienste, Schulsozialarbeitende und Jugendarbeitende.

Kontakt: Marco Bezjak

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Der Komponist Joachim Raff – wirkungsstark in Erinnerung gerufen

Weshalb ist das Archiv Joachim Raff in Lachen SZ ein Thema für „PolitReflex“? Weil es eine eindrückliche, erfolgreiche Leistung begeisterter, hingebungsvoller Einzelner ist. Und weil ein kulturelles Leben und Denken, das sich nicht in passivem Erleben und in Kult erschöpft, auf solche Leistungen angewiesen ist. Sie hervorzuheben und zu würdigen, ist deshalb Kulturpolitik.

Weiterlesen »