Wer militärisch ausgebildet wurde, wie der Schreibende und etliche Leser dieses Textes, lernte zu töten. Dies war ja auch ein Hauptgrund für die Forderung eines Teils unserer Gesellschaft nach Abschaffung der Armee und der allgemeinen Wehrpflicht, und für die Einführung des Zivildienstes für Militärdienstverweigerer. Ob mit der Ausbildung an Sturmgewehr, Handgranate, Raketenrohr, zum Panzer- oder Artilleriesoldaten oder Kampfpiloten auch die mentale Bereitschaft zum Töten aufgebaut wurde, ist allerdings eine ganz andere Frage, die sich wohl nur individuell beantworten und nur im Gefecht testen liesse.
Die Beziehung der westlichen Gesellschaften zum Töten entwickelte sich nicht nur in der militärischen Ausbildung und in Kriegen, sondern auch im Zivilleben. Noch im 19. Jahrhundert und im beginnenden 20. Jahrhundert verloren in Europa Männer ihr Leben in Duellen. Mit Selbstverständlichkeit beanspruchten gute Fechter und Pistolenschützen das Recht, jeden, der zum Duell bereit war, zu töten. Einige mögen Lust daran empfunden haben – man würde sie heute wohl als Psychopathen betrachten.
Nach dem Verbot des Duells war das Töten unter Privaten nur noch kriminell. Ein weiterer Markstein der Entwicklung unserer Beziehung zum Töten war in Teilen der Welt die Abschaffung der Todesstrafe.
Wie können Menschen, die legales Töten im Zivilleben nicht mehr erfahren, im Militär damit „umgehen“? Gujers Frage ist wohl politisch gemeint. Dann geht es nicht darum, ob deutsche oder schweizerische Soldaten oder solche aus anderen europäischen Ländern in einem Krieg tatsächlich töten würden, sondern ob sie als Bürgerinnen und Bürger für eine Politik eintreten, die kriegerische Entwicklungen möglichst vermeidet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten wir eine hohe Zeit der „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer) und der Menschenrechte. Es wird sich nun zeigen, ob dies eine Ausnahmeerscheinung in einer Weltgeschichte war, für die Krieg zuvor Normalität war. Damit würden sich die Einstellungen zum Töten wohl leider von selbst verändern.