Sie befinden sich hier:

Gute Dienste als Hauptargument für Neutralitätspolitik. Bedeutung einer Ukraine-Konferenz in der Schweiz?

1914 und im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs war die Bedeutung der Neutralitätspolitik klar: 1914 Verhinderung einer Spaltung der Schweiz. Während dem Ersten sowie vor dem Zweiten Weltkrieg, bis zur Kapitulation Frankreichs, Schutz der Schweiz vor dem Einmarsch einer Kriegspartei. Beide Motive sind heute nicht aktuell. Im Vordergrund steht die Bedeutung für Gute Dienste gerückt.

Wird es das Argument der Guten Dienste stärken, wenn die Schweiz demnächst zum Standort einer Konferenz zwischen Russland und der Ukraine wird? Viele Menschen in der Schweiz sind empört: Nicht nur über den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, sondern auch über die Weigerung des Bundesrates, sich den Sanktionen der EU anzuschliessen. Wird eine Ukraine-Konferenz, und werden deren möglichen Ergebnisse, diese Empörung besänftigen und wieder eine Mehrheit von Bevölkerung und Parteien hinter eine Neutralitätspolitik bringen, die auf Abstand zur Sanktionenpolitik der EU bleibt?

Kann eine Ukraine-Konferenz ein anderes Thema, ein anderes Ergebnis haben als die Übergabe grosser Teile der Ukraine an die russische Armee, vielleicht die Demission der Regierung Selenski? Eine Teil- oder Vollkapitulation? Wird die Schweiz substanziell vermitteln, d.h. zu besserem Verlauf, besseren Ergebnissen der Konferenz beitragen können? Wird sie Vermittlerin sein oder nur Gastgeberin?

Wer wünscht nicht, dass in der Ukraine bald die Waffen schweigen und Geflüchtete zurückkehren können? Wenn die Konferenz zustande kommt und zu diesem Ergebnis führt, wird der Bundesrat dies als Erfolg seiner Neutralitätspolitik der Guten Dienste werten, und damit auch als Rechtfertigung seiner Distanznahme von den Sanktionen der EU. Aber über den weiteren Verlauf der Konfrontation zwischen Russland und dem Westen, über die Verhinderung eines Aufmarsches der russischen Armee vor dem Baltikum, muss zwischen den USA und Russland verhandelt werden, hoffentlich unter Einbezug der EU. Wenn dann Gute Dienste der Schweiz überhaupt gefragt sind, wird es für die Akzeptant schweizerischer Vorschläge bei der westlichen Konfliktpartei nicht von Vorteil sein, dass die Schweiz die russischen Rohstoffkonzerne und Konti unbehelligt lässt.

Wenn die Schweiz in den Sicherheitsrat der UNO gewählt wird, wird dies zu einer realistischeren Beurteilung der Möglichkeiten und Grenzen kooperativer Friedenspolitik eines Kleinstaates beitragen. Das ist wertvoll, denn kein europäischer Staat darf resignieren vor der Gefahr eines Kriegs in Europa zwischen Russland und der NATO, der den Kontinent in Schutt und Asche zu legen droht.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Als die ost-mitteleuropäischen und baltischen Staaten der Nato beitraten

Putin stellt die Osterweiterung der Nato als Vorgehen gegen Russlands Sicherheit dar. Aber die ost-mitteleuropäischen und baltischen Staaten suchten bei der Nato Sicherheit vor Russland, nachdem ihnen die Sowjetunion über Jahrzehnte Diktaturen aufgezwungen hatte. Ungarn blickte auf die Niederschlagung des Aufstands von 1956, die Tschechoslowakei auf jene des Prager Frühlings 1968 zurück.

Weiterlesen »

Beziehungen Schweiz-EU: Doppelstrategie nötig

Die Erwartung breitet sich aus, dass das Ergebnis der Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU an der Urne scheitern werde. Dies legt eine Doppelstrategie nahe: Die Überzeugungsarbeit stärken und einen konkreten Plan B für den Gang in den Drittlandstatus erarbeiten.

Weiterlesen »

Deutschland: Koalition oder Minderheitsregierung?

Die FDP schied aus dem Bundestag aus, weil sie infolge der Kompromisse, die sie in der Ampel mit SPD und Grünen eingehen musste, zu grosse Teile ihrer Basis verlor. Basisverluste riskiert auch die bereits stark angeschlagene SPD, wenn sie in eine Koalition mit der Union eintritt. Die Partei „Die Linke“ bietet sich unzufriedenen Teilen des linken SPD-Flügels als neue Heimat an.

Weiterlesen »