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Die Verheerungen zweier Weltkriege beeinflussen Europas Sicherheitspolitik.

In rascher Abfolge veröffentlicht die NZZ kritische Aufrufe aus der Redaktion und von Gastautoren an EU-Europa, Willen und Bereitschaft zu militärischem Eingreifen zu stärken: Von Serbien und Kosovo bis ins südchinesische Meer. Dass solche Appelle aus der Schweiz kommen, kann damit zusammenhängen, dass die Schweiz durch die beiden Weltkriege nicht verwüstet wurde. Und vielleicht auch damit, dass man hierzulande unausgesprochen davon ausgeht, die Neutralität würde die Schweiz auch vor den Folgen eines weiteren Grosskriegs schützen.

Die Aversion in den meisten Ländern Europas gegen Kriegsrisiken ist trotz den Verheerungen der beiden Weltkriege nicht ganz selbstverständlich. Nach dem gewaltigen militärischen Effort und den Opfern zur Niederringung der nationalsozialistischen und faschistischen Gewaltherrschaften und ihrer japanischen Verbündeten herrschte für längere Zeit nahezu Konsens, dass die „Appeasement„-Politik der britischen und französischen Regierungen gegenüber Hitler ein schwerer Fehler, recht eigentlich eine Weltkriegsursache war. Premierminister Neville Chamberlain, der nach der Münchner Konferenz 1938 „Peace for our Time“ verkündete, schien für alle Zeiten der Verachtung preisgegeben.

Dieser Konsens hat sich offenbar unmerklich abgebaut. Geblieben ist das Bewusstsein darum, was die beiden Weltkriege in Europa angerichtet haben. Ein Beispiel: Vor einigen Tagen habe ich bei einem Besuch in Wien zum ersten Mal bewusst das „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ wahrgenommen. Es befindet sich in der Nähe von Staatsoper und Albertina.  „Als am 12. März 1945 bei einem massiven Bombenangriff der Philipphof zerstört wurde, kamen dabei hunderte Menschen ums Leben. Sie hatten in den Kellern des Gebäudes Zuflucht gesucht. Der Philipphof war ein repräsentativer Wohnbau der Gründerzeit. Nach seiner Zerstörung blieb ein leerer Platz übrig, der heutige Helmut-Zilk-Platz.“ (Link).

Europa steht vor der schweren Aufgabe, aus den beiden Erfahrungen, dem Scheitern des „Appeasement“ und den  Kriegsverheerungen, einen Kurs zu entwickeln. Lässt es sich vermeiden, dass die Diktatoren in Peking und Moskau den Weg zur unbegrenzten Ausdehnung ihrer Herrschaft für frei erachten, und lässt sich trotzdem ein neuer Grosskrieg vermeiden, der zum Dritten Weltkrieg mit Atomwaffeneinsätzen eskalieren kann? Eine Chance mag darin bestehen, dass diese Diktatoren auch wirtschaftliche Interessen haben und – wenn wir uns nicht täuschen – nicht primär durch ideologische Motive oder „Lebensraum“-Aspirationen getrieben sind. Eine Friedenspolitik des Interessenausgleichs ist deshalb nicht aussichtslos. Aber wenn auf Weiterentwicklung der militärischen Bereitschaft verzichtet würde, würden die Diktatoren der Versuchung militärischen Vormarsches kaum widerstehen – oder sie würden durch Falken verdrängt, die dann zuschlagen würden.

Mit Hitler und Mussolini hat, militärisch gesehen, ganz Europa den Zweiten Weltkrieg verloren: Insofern, als es seither keine europäische Supermacht mehr gibt, ausser dem teilweise europäischen Russland. Die Atomwaffen Frankreichs und Grossbritanniens ändern wenig an der militärstrategischen Abhängigkeit Europas (exklusive Serbiens und des europäischen Teils Russlands) von den USA. Dennoch tun die Staaten der Europäischen Union gut daran, eine eigenständige Verbindung von Sicherheits- und Friedenspolitik zu entwickeln. Sollten sich die USA anschicken, sich in ein Kriegsabenteuer stürzen, das vermeidbar wäre, ist es ein legitimes und notwendiges Ziel Europas, einen weiteren Grosskrieg auf diesem Kontinent zu vermeiden.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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