Sie befinden sich hier:

Rahmenabkommen: Soll die Schweiz die EU jetzt als käuflich behandeln?

Taktische Vorschläge Stefan Schmids in der „Schweiz am Wochenende“ (10.4.21): „Kampfjets? Die kaufen wir in Europa, wenn man uns entgegenkommt. Die deutsche Fluggesellschaft Swiss? Bekommt noch etwas mehr Staatsgeld, wenn uns Deutschland beim Rahmenabkommen hilft. Die Kohäsionsmilliarde für Osteuropa? Die stocken wir gerne noch etwas auf.“

Der EU geht es um die Grundsätze des Zutritts zu ihren Märkten und Kooperationen, und darum, dass sie ein Nichtmitglied nicht besser stellen darf als ein Mitglied. Wenn die Schweiz jetzt in der letzten Verhandlungsrunde versucht, sie zu kaufen, kann sie dies nur empört zurückweisen: Als Unterstellung, sie sei käuflich und grundsatzlos.

Es kann durchaus eine Auswirkung des Scheiterns der Verhandlungen sein, dass der Kauf eines US-amerikanischen Kampfflugzeugs Auftrieb bekommt, und dass die Schweiz die Kohäsionsmilliarde definitiv verweigert oder direkt an Staaten überweist, denen die schweizerischen EU-Gegner europapolitisch nahe stehen: Ungarn, Polen, die Slowakei. Die EU müsste das hinnehmen. Sie ist nicht käuflich.

Zuzustimmen ist Stefan Schmid, wenn er abschliessend schreibt:

„Die kleine, intensiv mit ihren Nachbarn verflochtene Schweiz braucht eine stabile Beziehung zur EU. Wir sind das europäischste Land Europas. Den bilateralen Weg haben wir uns nach dem EWR-Nein von 1992 selber eingebrockt. Er hat sich bewährt. Es wäre töricht, aus einem überkommenen Verständnis von nationaler Souveränität heraus jetzt plötzlich den Nein-Knopf zu drücken, zumal der Bundesrat nie erläutert hat, was denn die Alternative wäre.

So oder so gehört die Frage, wie das Verhältnis zu Europa gestaltet sein soll, vor das Volk. Wir stimmen über vergleichsweise läppische Dinge wie den Kantonswechsel von Gemeinden ab. Aber ausgerechnet über zentrale Themen soll die Regierung abschliessend entscheiden? Das wäre unserer direkten Demokratie unwürdig.“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Estland kommuniziert, fest mit einem russischen Angriff zu rechnen.

Aus dem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen“ (6.9.22) über eine Medienorientierung des Kommandanten einer estnischen Infanteriebrigade: „„Der Krieg wird kommen“, so Merilo. Sie hätten einige Ideen über das Wo und Wie. Aber sie wüssten nicht genau wann. „Wir müssen bereit sein“, mahnt er. Und setzt hinzu: „Das Schlimmste steht uns noch bevor.“

Weiterlesen »

Rahmenabkommen – Thomas Cottier: Volksentscheid! Eric Gujer: Übungsabbruch!

Volk und Stände haben erst letztes Jahr die „Begrenzungsinitiative“ (Kündigungsinitiative) der SVP deutlich abgelehnt, um die bilateralen Beziehungen zur EU intakt zu halten. Auch der Entscheid über das Institutionelle Rahmenabkommen wird sich auf diese Beziehungen auswirken – ein guter Grund für eine Volksabstimmung. – Am selben Tag, dem 6. März 2021, fordert Professor Thomas Cottier das Recht des Volkes zum Entscheid ein und empfiehlt NZZ-Chefredaktor Eric Gujer dem Bundesrat einen „überfälligen“ Übungsabbruch. Aber Gujer fügt bei: „Nach den Verhandlungen ist vor den Verhandlungen.“

Weiterlesen »

Mehr Demokratie! Was bedeutet dies in den Aussenbeziehungen?

„Die Leute wollen grundsätzlich mehr demokratischen Einfluss auf ihre Zukunft, nicht weniger“, sagt Pierre-Yves Maillard, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, der NZZ in einem Interview*, in dem er seinen Widerstand gegen das Rahmenabkommen nochmals festigt. Nehmen wir dies als Anregung, darüber nachzudenken, was Demokratie für die Gestaltung der Aussenbeziehungen bedeutet und wie unsere demokratischen Entscheide die für die Schweiz bedeutsame Entwicklung ihres europäischen Umfelds beeinflussen.

Weiterlesen »