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UPDATE 19.3.21 zu: Nun sind alle Karikaturen von Carl Böckli, „Bö“, digital erfasst und zugänglich.

Die Karikaturen und satirischen Verse, mit denen „Bö“ den geistigen und politischen Widerstand gegen faschistischen und kommunistischen Totalitarismus stärkte, verdienen eine Renaissance. Das ETH-Archiv für Zeitgeschichte hat sie digital erfasst und zugänglich gemacht. – „Bö“steht nicht nur für Widerstand, sondern auch für Öffnung, gegen Sturheit, Borniertheit, Spiessertum, Heuchelei. Typisch, wie er einen kleinen Schweizer zeichnet, der auf einer Leiter an einem grimmigen Offizier emporsteigt und ihm sagt: „Herr Oberscht, de Chrieg isch us!“

Update vom 19.März 2021:

Jetzt sind nicht nur die Metadaten, sondern auch die Originalzeichnungen und Entwürfe direkt online einsehbar:

PolitReflex com 9.2.21:

Auf der Webseite des ETH-Archivs für Zeitgeschichte über Carl Böckli (Link) lesen wir:

„Wer sich mit Geschichte der Karikatur in der Schweiz befasst, stösst unweigerlich auf den «Nebelspalter», das traditionsreiche Satireblatt, und dessen legendären Karikaturisten Carl Böckli (1889-1970), bekannt unter dem Kürzel «Bö», mit dem er seine meist mit einem Vers versehenen Zeichnungen signierte.

Nach einer längeren «Odyssee» gelangte sein Nachlass ins Archiv für Zeitgeschichte: Wenige Jahre nach Böcklis Unfalltod erwarb der Zürcher Generalunternehmer Bruno Piatti die hinterlassenen Originalzeichnungen und liess sie durch den ehemaligen Glarner Konservator Fritz Brunner akribisch inventarisieren. Nach Piattis Tod schenkte seine Witwe den Bestand angesichts von dessen gesamtschweizerischer Bedeutung der Graphischen Sammlung der der ETH Zürich, welche diesen später dem Cartonmuseum in Basel als Depositum anvertraute.

Von dort gelangte die Sammlung 2014 ins AfZ. Die von Brunner erhobenen Metadaten sind inzwischen ins Archivinformationssystem integriert, bereinigt und alle der rund 2100 Zeichnungen digitalisiert – Bö’s Originalwerke sind ab sofort im Lesesaal digital zugänglich. Neben den Tuschzeichnungen, also den definitiven Vorlagen für den Abdruck im Nebelspalter, finden sich zahlreiche Entwürfe (Bleistift), aber auch Studien ohne unmittelbaren Bezug zu einer konkreten Karikatur.

Anders als andere Karikaturisten wie etwa Hans U. Steger fokussiert sich Bö weniger darauf, konkret identifizierbare Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ins Visier zu nehmen. Im Vordergrund stehen bei ihm stattdessen gewisse typisierte Figuren ohne individualisierte Züge, die über Jahre hinweg immer wieder auftauchen, etwa der Schweizer(knabe) mit Sennenkäppi oder der Beamte.

Gegen rote und braune Fäuste

Nach einer kunstgewerblichen Ausbildung und Wanderjahren als Grafiker war Böckli ab 1922 bis 1964 Mitarbeiter des vom nachmaligen freisinnigen Ständerat Ernst Löpfe-Benz verlegten, in Rorschach erscheinenden Nebelspalters, ab 1927 dessen Redaktor. Ab den 1930er Jahren machte sich Bö als unerschrockener Kämpfer «gegen rote und braune Fäuste» einen Namen. So entschieden er Nationalsozialismus und Faschismus entgegentrat, so unerbittlich bekämpfte er in den Jahren des Kalten Kriegs den Kommunismus. Böckli wurde damit zum Inbegriff der Geistigen Landesverteidigung.

Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, ihn auf den Kampf gegen totalitäre Ideologien zu reduzieren. Mit grosser Beharrlichkeit setzte er sich auch mit einem allgegenwärtigen Gegner im Innern auseinander, mit der ihm zutiefst widerstrebenden bürokratischen «Beamtenmentalität», die er immer wieder aufs Neue geisselte und dem Gespött der Leserschaft preisgab. Dabei entsteht mitunter der Eindruck, «die Verwaltung» werde pauschalisierend zum borniert-beschränkten «Amtsschimmel» überzeichnet.

Ebenso wenig entgehen zahlreiche andere Bereiche von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seiner spitzen Feder. Gelegentlich schimmern eine wertkonservative Haltung und gesellschaftskritische Züge durch, etwa wenn er sich über Tendenzen in der modernen Kunst oder über den um sich greifenden Körper- und Starkult mokiert. Auch allgegenwärtige (allzu)menschliche Schwächen werden zur Zielscheibe seines Spotts, womit er uns allen letztlich den Spiegel vorhält.

Gelegentlich macht Bö aber auch sich selbst zum Gegenstand seiner Zeichnungen. Auch wenn er scheinbar niemanden und nichts verschont, ist ihm eine gewisse Selbstironie keineswegs fremd.“

*

Im Historischen Lexikon der Schweiz (Link) schreibt Thomas Fuchs, Böcklis Schaffen sei zu Unrecht oft auf den Kampf gegen braune und rote Fäuste reduziert worden: „Denn Böckli war ein steter Kämpfer gegen Opportunismus, ein umfassender Zeitkritiker mit untrüglichem Urteil. Sein Lieblingsthema war die Reaktion des Schweizers auf drängende Zeitfragen. Trotz aller Kritik hatten seine Zeichnungen stets einen versöhnlichen Charakter. Mit der Gründung der Bö-Stiftung in Heiden 2012, welche die Erinnerung an den Karikaturisten und dessen geistiges Erbe erhalten will, wurde im Museum Heiden auch eine Dauerausstellung über Böckli und sein Werk eröffnet.“

Link zur Bö-Stiftung im Museum Heiden.

Link zum NZZ-Bericht Hanspeter Mettlers vom 6.12.2012 unter dem Titel „Bö soll weiterleben“ über die Gründung dieser Stiftung.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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