Macron wurde als „le moindre mal“ gewählt. Er wurde gewählt, weil die grossen Links- und Rechtsparteien und ihre Spitzenkandidaten zu viel Vertrauen verloren hatten. Entscheidend war wohl der Absturz des gaullistischen Kandidaten François Fillon in eine Affäre.
Macron stürzt nur, wenn jemand mehr Stimmen gewinnt als er. Solange für den zweiten Wahlgang nur Marine Le Pen in Frage kommt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Macron erneut als „le moindre mal“ gewählt wird. Es ist Frankreich zu wünschen, dass sich die grossen weltanschaulichen „Familien“ bald regeneriert und neue, namentlich grüne Kräfte sich aufgebaut haben, dass neue, überzeugende Persönlichkeiten auftreten, sodass wieder mehr Wettbewerb möglich ist.
Im „Tages-Anzeiger“ berichtet Korrespondentin Nadia Pantel aus Paris: „Das Ausmass der Krise lässt sich auch anhand der Dimension der Gerüchte vermessen. Die konservative Tageszeitung «Le Figaro» schrieb diese Woche, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron denke über einen Rücktritt nach, um vorgezogene Neuwahlen zu ermöglichen, als deren Sieger er sich sehe.“ („Selbst über einen Rücktritt Macrons wird geredet“, 13.6.20, S. 7).
Ich gehöre nicht zu denen, die Macron über Bausch und Bogen ablehnen. Vor allem seine Europapolitik beurteile ich weitgehend positiv. Aber wenn die Unzufriedenheit einen Grad erreicht, der einen Wechsel an der Staatsspitze erfordert, muss auch über die Verantwortung und die Entwicklung derer gesprochen und geschrieben werden, die den Präsidenten herausfordern müssten.