Eine Abklärung ergab, dass leider keine repräsentativen Befragungen durchgeführt wurden, wie die Bevölkerung das Heimwesen sieht und beurteilt, und wie sich die Bereitschaft entwickelt, in ein Heim einzutreten oder sich für den Eintritt pflegebedürftiger Angehöriger in ein Heim einzusetzen. Städtischen Umfragen lassen sich allenfalls Indizien entnehmen.
Aus einem Bericht von Dorothee Vögeli in der NZZ vom 24. September 2019 über eine Bevölkerungsbefragung im Hinblick auf eine neue Altersstrategie der Stadt Zürich:
«In der neuen Stadtzürcher Altersstrategie wird das Thema Wohnen ein Schwerpunkt sein. Eine Bevölkerungsbefragung hat ergeben, dass sich über 40 Prozent mehr gemeinschaftlichen und bezahlbaren Wohnraum wünschen. (…) Nur wenige Rückmeldungen thematisieren das Heim. Die Haltung ist eher ablehnend.» (Link zum Artikel.)
Der Entscheid, in ein Heim einzutreten, fiel schon immer schwer. Es ist schmerzlich, die eigene Wohnung zu verlassen, und dies noch mehr, wenn damit eine Trennung von der Lebensgefährtin oder vom Lebensgefährten, eine Reduktion der Lebensgemeinschaft auf Besuche verbunden ist. Viele Paare haben sich gelobt, sich nie „im Stich zu lassen“. Sie empfinden das Zugeständnis, dass die Partnerin oder der Partner allein in ein Heim eintreten muss, als Bruch dieses Versprechens, als Versagen.
Dazu kommen aber abschreckende Vorstellungen vom Leben im Heim: Von Verlust von Freiheit und Intimität, von Zwangsgemeinschaft, „Kasernierung“ – und nun diese Erfahrungen mit Besuchsverboten und restriktiven Besuchsregelungen in Heimen in der Corona-Krise. Ein 74-Jähriger kommentierte auf meiner Facebook-Seite, ihm sei dadurch klar geworden: „Auf keinen Fall ins Heim. Als letzte Lösung Exit. Diese Entwürdigung durch unbedarfte Bürokratinnen und Bürokraten, die gutmeinend Gräueltaten begehen, wird sich keine und keiner gefallen lassen wollen, die, der noch bei Trost ist. Es hätte getrennter Abteilungen bedurft: für jene, die das Risiko bevorzugen, und jene, die absolute Sicherheit bevorzugen. Was da geschehen ist, ist unverzeihlich.“
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Eine solche Entwicklung hätte schwerwiegende Folgen: Immer mehr pflegebedürftige Menschen würden zu Hause sich selber und ihre pflegenden und betreuenden Angehörigen überfordern. Ihr Gesundheitszustand würde immer schlechter. Mehr Menschen würden verelenden, und mehr Menschen würden durch assistierten Suizid aus dem Leben scheiden, weil sie nicht wussten oder nicht glaubten, dass ein gutes Leben im Heim möglich ist.
Glaubwürdige Information über gutes Leben im Heim ist von entscheidender Bedeutung. Die Anforderungen an die Glaubwürdigkeit sind allerdings hoch. Wirksam wären authentische Äusserungen von Bewohnerinnen, Bewohnern, Angehörigen, unabhängigen Fachleuten, kommuniziert durch offene Medienarbeit, Tage der offenen Tür, „Living Libraries“.
„Angehörige als Partner zu verstehen – wie in den üblichen Leitbildern der Pflegeheimen aufgeführt – wäre eine gute und auch sichere Möglichkeit gewesen, um vor allem Menschen mit Demenz die Situation zu vereinfachen“, kommentiert die Gerontologin und Psychologin Dr. Stefanie Becker, Geschäftsleiterin von Alzheimer Schweiz, die Debatte über Angehörigenbesuche in der Corona-Krise: „Für eine Taskforce mit Angehörigen und Pflegenden hätten sich sicherlich Freiwillige gefunden, die ein kontrolliertes Zugangsmanagement ermöglicht hätten!“ Dies ist auch über Corona hinaus ein vielversprechender Ansatz, wenn man die Widerstände gegen den Heimeintritt abbauen und nicht noch weiter wachsen lassen will.