Sie befinden sich hier:

Kündigungsinitiative: Die SVP wird bei Pro und Kontra vertreten sein

Bundesrat Guy Parmelin (SVP), der Wirtschafts-, Bildungs- und Forschungsminister unseres Landes, wird den Schweizerinnen und Schweizern erklären, dass die Annahme der Kündigungsinitiative zum Verlust von Marktanteilen für Schweizer Produkte und Dienstleistungen in den EU-Ländern und damit – zusätzlich zum Corona-Effekt – zu weiterem Beschäftigungsrückgang in der Schweiz führen würde. Und er wird dies nicht nur aus Kollegialität, sondern aus Überzeugung tun.

Der Präsident der SVP, Nationalrat Albert Rösti, ist nicht zu beneiden. Und wer seine Nachfolge antreten will, kann wohl froh sein, dass die Wahl noch nicht stattfand.

Röstis grösste und wohl letzte Aufgabe ist die Führung des Abstimmungskampfs um die „Begrenzungsinitiative“, die auf die Kündigung des Personenfreizügigkeitsabkommens mit der EU abzielt.

Und nun muss er feststellen, dass die SVP auch auf der gegnerischen Seite prominent vertreten ist: Durch Wirtschafts-, Bildungs- und Forschungsminister Guy Parmelin.

Rösti hierzu in einem Interview:
„Ich habe ihn gefragt, ob er nicht auch der Meinung sei, dass man gerade als Wirtschaftsminister jetzt erst einmal zu den Schweizerinnen und Schweizern schauen muss. Gerade aus wirtschaftlicher Sicht braucht es für die Schweiz die Begrenzungs-Initiative. Ich habe ihm gegenüber auch meine Enttäuschung über seine Aussagen ausgedrückt.“ (Link zum Interview.)

Parmelin wird den Schweizerinnen und Schweizern erklären, dass es durchaus in ihrem Interesse ist, die vertraglich geregelten bilateralen Beziehungen zur EU weiterzuführen. Andernfalls würde die Schweiz zusätzlich zu den Stellen, die nun infolge der Corona-Krise verloren gehen, weitere verlieren, weil der Verkauf schweizerischer Waren und Dienstleistungen in die EU-Länder erschwert würde.

Der SVP-Präsident hat noch ein anderes Problem: Der rechte Flügel seiner Partei, der Flügel um Roger Köppel mit seiner „Weltwoche“, will eine Generalabrechnung mit dem Bundesrat, natürlich inklusive Parmelin, in Sachen Corona. „Die Schweiz hat den Verstand verloren“, schreibt Köppel in seinem neusten Editorial. „Sie wird von Rechthabern regiert. Solange der Bundesrat nicht zugibt, dass der Lockdown ein Fehler war, werden wir diesem Irr-Sinn nicht so schnell entkommen.“

Einen Gastautor lässt Köppel titeln: „Berüchtigte Berner Shutdown-Gang.“ Auf dem Bild dazu sind zwei Bundesrätinnen und zwei Bundesräte zu sehen, darunter Guy Parmelin.
Wer die SVP nach Rösti präsidiert, wird vor der Frage stehen, ob die Flügel dieser Partei noch eine gemeinsame Zukunft haben – und haben wollen. Roger Köppel wäre anscheinend ganz gern der propagandistische Anführer einer geschlossenen rechtsradikalen Partei ohne Leute wie Parmelin.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Fall „NZZ am Sonntag“: Wir sind nicht hilflos gegen Fehlentwicklungen in der Medienlandschaft.

Wenn der NZZ-Verlag eine Marktlücke öffnet, indem er die „NZZ am Sonntag“ durch den Wechsel in der Chefredaktion auf den Kurs der Leitung der NZZ des Werktags zwingt, muss er mit Kräften rechnen, die diese Lücke füllen: Durch Weiterentwicklung eines bestehenden oder durch Schaffung eines neuen Angebots. Online oder gedruckt, wohl eher online. Es gibt Beispiele dafür.

Weiterlesen »

Die SVP vor einer Richtungswahl

Albert Rösti tritt als Präsident der SVP Schweiz zurück. Die Nachfolgeregelung wird zur Richtungswahl: Einerseits über Sachfragen, anderseits über den Führungsanspruch von Vater Blocher und Tochter Martullo-Blocher. Der Austritt des ehemaligen Präsidenten der Zürcher Kantonalpartei, Konrad Langhart, aus der SVP macht deutlich, dass der Verlust der meisten Gemässigten bei der Gründung der BDP den Zusammenhalt der SVP nicht gesichert hat.

Weiterlesen »

Wird der neue SVP-Bundesrat eine Wieder-Hinwendung der Schweiz zu Europa unterstützen?

Die SVP Fraktion schlägt mit Albert Rösti einen mit der Realwirtschaft verbundenen Pragmatiker und mit Hansueli Vogt einen Hardliner vor, der aber menschlich als dialogfähig gilt. Dies gibt eine gewisse Hoffnung, dass der neue SVP-Bundesrat eine Wieder-Hinwendung der Schweiz zu Europa unterstützen wird, wenn sie im Landesinteresse unumgänglich wird. Und dass er dann auch Teile seiner Partei davon zu überzeugen versucht.

Weiterlesen »