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Thomas Mann 1939: „Das verzweifelte Bürgertum“ Deutschlands

Seit 1920 wandte sich Thomas Mann gegen den aufsteigenden Nationalsozialismus – immer klarer, immer schärfer. Seine Warnungen wurden nicht gehört. Als ihm klar wurde, dass ihn die Nazis in seiner Existenz bedrohten, emigrierte er, 1933 zunächst in die Schweiz, 1938 in die USA.

„Bruder Hitler? Thomas Manns Entlarvung des Nationalsozialismus“: So lautet der Titel einer 210-seitigen Sammlung von Texten und Vorträgen von und über Thomas Mann, zusammengestellt und kommentiert durch den Literaturwissenschafter Dirk Heisserer, Vorsitzender des Thomas-Mann-Forums München, und herausgegen durch das NS-Dokumentationszentrum München (Link).

Vier Beispiele für zahlreiche Texte Thomas Manns, die in dieser Sammlung die Entwicklung seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus dokumentieren:

1930:

„Der Nationalismus will das Fanatische mit dem Würdigen vereinigen; aber die Würde eines Volkes wie des unsrigen kann nicht die der Einfalt, kann nur die Würde des Wissens und des Geistes sein, und die weist den Veitstanz des Fanatismus von sich.“

1934:

«(…) Man kannte früher Gottes-Leugner, aber das waren harmlose Leute im Vergleich mit dem Ideen-Leugner, der heute heraufgekommen ist und sich eine Philosophie darauf macht, den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr zu anerkennen, die Wahrheit zu leugnen und an ihre Stelle ein Ersatz-Absolutum zu setzen, das er Staat, Nation, Rasse, Klasse oder wie immer nennen mag.»

1939:

«Gewiss, ich habe die Wut dieser Machthaber herausgefordert nicht erst in den letzten vier Jahren, durch mein Aussenbleiben, die ununterdrückbaren Kundgebungen meines Abscheus. Lange vorher schon hatte ich es getan und musste es tun, weil ich früher als das heute verzweifelte Bürgertum sah, wer und was da heraufkam.»

1945:

«Es ist nichts weniger als Zufall, dass die deutschen Gestalten, die ich mir zu Lehrern und Führern ersah, diese Schopenhauser, Nietzsche, Wagner und in späteren Jahren an erster Stelle Goethe, alle ein stark über-deutsches, europäisches Gepräge tragen. Es war das Europäische auf deutsch, was ich in ihnen fand, ein europäisches Deutschland, welches immer das Ziel meiner Wünsche und Bedürfnisse bildete, – sehr im Gegensatz zu dem ‘deutschen Europa’, dieser Schreckensaspiration des deutschen Nationalismus, die mir von je ein Grauen war, und die mich aus Deutschland vertrieb.»

*

In den Wind geschlagene Warnungen: Erleben wir dies heute erneut? In mehreren europäischen Ländern, in Deutschland erst auf Bundesländer-Ebene, streben Rechtsextreme nach Regierungsmacht oder sind bereits daran beteiligt. Laut und zahlreich sind die Stimmen, die ihnen unter Berufung auf Freiheitsrechte und liberale Grundhaltung den Weg zur Macht ebnen wollen.

Die heutige Lage unterscheidet sich von derjenigen bei der Machtergreifung der Nazis. Wir legten dies dar im PolitReflex vom 23.7.24, „Deutschlands Erinnerungskultur – neu erlebt“ dar (Link). Aber es wäre sehr fahrlässig, daraus zu schliessen, dass die heutigen Rechtsextremen keine Gefahr für Demokratie, Grundrechtsgeltung, Rechtsstaatlichkeit und Humanität darstellen. Zur Warnung dienen Entwicklungen in Ungarn und Polen.

Setzen wir uns dafür ein, dass in ein paar Jahren kein Warner feststellen muss, das Bürgertum sei verzweifelt darob, den Wiederaufstieg des Rechtsextremismus nicht verhindert zu haben.

Mehr dazu:

„Deutschlands Erinnerungskultur – neu erlebt“ (Link)

„Wenn die ‚Brandmauer‘ fällt“ (Link)

„Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis warnen vor Rechtsextremisten, insbesondere vor der AfD“ (Link)

„Weshalb sich wieder mehr Menschen dem Nationalsozialismus zuwenden“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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