Sie befinden sich hier:

Zorniger Warnruf Christoph Ransmayrs vor drohendem Kanzler Kickl, Europas Rechtsextremen und Trump

„Noch kaum eine barbarische Bewegung – wie etwa die sogenannte Freiheitliche Partei Österreichs oder auch die sogenannte Alternative für Deutschland –“ habe „in den vergangenen Jahren so eindringlich und unmissverständlich vor sich selber gewarnt wie diese triumphierenden Wahlsieger“, stellt der österreichische Schriftsteller in der bürgerlich-liberalen „Frankfurter Allgemeinen“ fest.

Auszug aus dem Artikel des Schriftstellers Christoph Ransmayr, der am Montag, 13. Januar 2025 unter dem Titel „Nachrichten aus der Wüste“ in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschien (Link):

„Schockstarre höre ich, herrsche in Wien. Schockstarre, seit der Stadt und dem Land ein rechtsradikaler Barbar namens Kickl als Kanzler droht. Und kaum ein Wort dazu aus Kunst und Kultur. Tatsächlich?

Ich hatte in letzter Zeit nur sporadisch Gelegenheit, deutschsprachige oder gar österreichische Zeitungen zu lesen. Aber vielleicht hat die vermeintliche Sprachlosigkeit ja bloß mit dem Umstand zu tun, dass gegenwärtig kein Bedarf an warnenden, mahnenden oder missionarischen Stimmen besteht. Schließlich hat noch kaum eine barbarische Bewegung – wie etwa die sogenannte Freiheitliche Partei Österreichs oder auch die sogenannte Alternative für Deutschland – in den vergangenen Jahren so eindringlich und unmissverständlich vor sich selber gewarnt wie diese triumphierenden Wahlsieger. (,,,)

Was also gäbe es an Einsichten und Neuigkeiten zur Barbarei zu vermelden, was nicht jeder Landesbewohner diesseits und jenseits der deutsch-österreichischen Grenze längst wüsste? Im Osten nichts Neues: Eine von SS-Offizieren gegründete und bis zum heutigen Tag von rassistischen, nationalistischen und xenophoben Geistern verseuchte Partei, die sich ehrlicherweise nicht frei, sondern bloß freiheitlich nennt, will mithilfe einer ihr geistesverwandten und an verlogener Niedertracht ebenbürtigen Österreichischen Volkspartei eine Volkskanzlerschaft antreten.

Österreich hat 9,1 Millionen Einwohner. 6,4 Millionen von ihnen sind wahlberechtigt. (…) 1,4 Millionen Anhänger und Anhängerinnen. Möglicherweise hat bei Herrn Kickl und den Seinen die erschöpfende Bemühung, aus einer Minderheit ein ganzes Volk zu machen, die Fähigkeit gelitten, mit den Grundrechenarten umzugehen. Denn gäbe es keinen Steigbügelhalter wie die Volkspartei mit ihren notorischen Wortbrüchen und Lügen, bliebe nur die lapidare Feststellung: Ein knappes Viertel der Wählerschaft hat Herrn Kickl und die Seinen gewählt. Der große Rest, also die Mehrheit, nicht. Auch das keine besondere Neuheit.

Erinnern wir uns: Wann immer ein freiheitlicher Politiker es in demokratischen Wahlen tatsächlich zu einem Amt bis empor zu einem Ministerthron gebracht hat, wurden ihm schon nach kurzer Zeit Inkompetenz, Korruption, Postenschacherei etc. nachgewiesen. (…)

Aber die Gnade der späten Geburt lässt gegenwärtig selbst die nächtliche Finsternis als mildes Licht erscheinen: Wenn ein verurteilter Ganove und Sexualstraftäter wie Donald Trump demnächst im weißen Palast der westlichen Demokratie zum zweiten Mal als Präsident Einzug halten darf . . ., wenn in Italien nicht nur die Mafia, sondern auch Mussoliniverwandtschaft regiert . . ., wenn in Frankreich eine Dame aus dem Wachsfigurenkabinett des Faschismus Regierungsansprüche stellt . . ., in Ungarn ein ballonförmiger Feind der Pressefreiheit und einer unabhängigen Justiz unangefochten herrscht oder in der Slowakei ein Mann, der von einem neolithischen Höhlenmenschen kaum zu unterscheiden ist, dem Land seinen Willen aufzwingt, wird um Himmels willen doch wohl im walzerseligen Österreich ein Mann dirigieren dürfen, der mich komischerweise an den Zwerg Bumsti aus meiner Kinderzeitschrift „Wunderwelt“ erinnert, an ein mit Minderwertigkeitskomplexen geschlagenes Männlein, das in sodomitischer Gemeinschaft mit einer Feldmaus in einem hohlen Fliegenpilz haust.

Auch die Auftritte der alternativ-deutschen Führerin Weidel im Bundestag bescheren mir regelmäßig vergnügliche Erinnerungen an Wilhelm Buschs Fromme Helene in ihrem Endstadium. Was für ein kabarettistischer Einschub, diese Frau im freundschaftlichen Gespräch mit Elon Musk, einem weiteren Hunnen aus dem Nebelreich des Ungeistes, schäkern zu hören, dass Adolf Hitler Kommunist gewesen sei und sämtliche alten oder neuen seiner Anhänger deshalb unmöglich rechtsradikal genannt werden dürften. (…)

Und vermutlich völlig harmlos sind auch die kleinen Widersprüche, die da und dort in dieser Märchenwelt aufklaffen. Herr Kickl, der sein Leben und seine Karriere aus Steuermitteln bestreitet und für sich und die Seinen jährlich mehr als 50 Millionen Euro aus der astronomisch hohen Parteienförderung des verhassten Systems einstreicht, verlangt mit aller Leidenschaft, einen Großteil der nicht in Österreich geborenen Menschen – ohne die das Land nebenbei gesagt nicht funktionsfähig wäre und die auch ihm mit ihrer Arbeit und ihrem Steueraufkommen die benötigten Millionen verschaffen – zu deportieren und sie zuvor an Orten zu konzentrieren, von denen sie anschließend leicht außer Landes geschafft werden können – entweder in ihre unter Bombenschutt begrabenen Heimatländer oder . . . oder . . . sonst wohin. Remigriert jedenfalls. Wohl am besten in Güterwaggons.

Rechtliche Mittel dagegen sollte es dabei möglichst keine geben, weil nach den Worten des Herrn K. die Justiz der Politik folgen oder wenigstens hinterherstolpern müsse und sich nicht mit besserwisserischer Kontrolle wichtig zu machen hätte. Aber nicht doch, widersprach Herr K., keine Konzentrationslager!, nein, bloß konzentrieren, und konzentrieren auch nur die Arbeitsunwilligen, die Perversen und Vergewaltiger, auch wenn genau genommen die meisten von ihnen als pervers und arbeitsunwillig verdächtigt werden müssten. Konzentrationslager, also doch.

Herr Kickl hat vor Jahren als ein von der Österreichischen Volkspartei ins Innenministerium beförderter Ressortchef seinem Land Schaden zugefügt wie selten ein Politiker der Zweiten Republik zuvor und seine Heimat damit nicht nur lächerlich gemacht, sondern auch die internationale Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsdiensten nachhaltig gestört und nebenbei seine ministeriellen Befugnisse für parteipolitische Zwecke missbraucht. (…)

Allein als Dichter hatte Herr Kickl gelegentlich großformatige Erfolge: Im Dienst seines zeitweiligen Gesinnungsfreundes Jörg Haider erfand er etwa gegen die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und den damaligen Burgtheaterdirektor Claus Peymann, daneben selbstverständlich auch gegen Ausländer und Muslime, Reime und Slogans von einer solchen Bösartigkeit und bodenlosen Dummheit, dass es selbst für österreichische Verhältnisse als großer Erfolg erscheinen musste, dass sich tatsächlich ein Unternehmen fand, diesen Schwachsinn auf großformatige Plakate zu drucken. Auch dies geschah selbstverständlich unter großzügiger Verwendung von Steuergeldern. Dichter K. scheint seine Gedanken ja grundsätzlich als plakattaugliche Schlagworte zu formulieren, wenn er beispielsweise den Bundespräsidenten unter zustimmendem Bierzeltgebrüll als senile Mumie verhöhnt oder als sein unfehlbares Urteil verkündet, dass die SS keineswegs eine verbrecherische Organisation gewesen sei, Schuld sei schließlich etwas ausschließlich Individuelles, könne also nur Einzeltätern zugeschrieben werden. Tatsächlich: Wo kämen wir hin, eine Killertruppe pauschal zu verurteilen, deren Hauptaufgabe der Massenmord war? (…)

In den USA, dies bloß als Schlusswort, haben die fähigsten und kreativsten Geister – Regisseure, Wissenschaftler, Schriftsteller, Maler, Schauspieler, kurz: Frauen und Männer, denen Amerika seine hellsten und glänzendsten Seiten verdankt – gegen raffinierte und dabei strohdumme Ganoven wie Herrn Trump angeschrieben, gespielt, gefilmt, gemalt, gegen die von diesem Herrn und seinesgleichen leidenschaftlich befürwortete Todesstrafe, gegen Foltergefängnisse und gegen die zahllosen imperialistischen größeren und kleineren Kriege, die von diesem Land ausgingen, gegen Rassismus und auch gegen den Nationalismus ausgerechnet eines Landes, das seine Existenz einem Genozid verdankt. Und mit welchem Erfolg? Qualvolle Hinrichtungen und Folter, Amokläufe aus Rassenhass, käufliche Senatoren und korrupte Höchstrichter gehören nach wie vor zu diesem Land wie die stars and stripes seiner Flagge.

Und so endet einer von vielen Bögen: Als der Ganove zum ersten Mal in sein Präsidentenamt eingeführt wurde, fand sich in diesem trotz aller erhellenden Mühen immer noch verfinsterten Land im jubelnden Publikum auch eine freiheitliche Abordnung aus Österreich, die, dies nur nebenbei, auch einen Freundschaftsvertrag mit dem Massenmörder Putin geschlossen hatte. Diese Freundschaft wurde bekanntermaßen festlich besiegelt, als der Massenmörder die Hochzeit einer österreichischen Außenministerin in freiheitlichen Diensten mit seiner Anwesenheit beehrte und grinsend mit der Überglücklichen tanzte.

Was für ein Fest: Braut und Bräutigam, die Führungsspitze der Freiheitlichkeit, der hohe Besuch aus Moskau und vermutlich die gesamte Hochzeitsgesellschaft hatten über dem Glück ihrer Anerkennung, ihrer Wahlerfolge und offensichtlichen Unbesiegbarkeit wohl einfach vergessen, sich von jenem Ungeist des zwanzigsten Jahrhunderts loszusagen, der mit seinem rasenden Nationalismus, seinem Fremdenhass, seiner Machtgier und vernichtenden Dummheit zum Zweiten Weltkrieg und damit zur Verwüstung Europas geführt hatte. Am Ende erhoben sich aus dem Schutt und der Asche einst prachtvoller Städte Berge von Leichen, die nicht mehr zu zählen, sondern nur noch zu schätzen waren: 75 Millionen Tote. 75 Millionen. Ungefähr.“

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Ein Kommentar

  1. Man hört vom Duktus her die „letzte Welt“ heraus, was aber die einzige Qualität dieses Textes bleibt.
    WARUM Trump (und Kickl und andere) Wahlen teilweise ziemlich überlegen gewinnen, weiß R. nicht,
    will es auch nicht wissen, hält deren Wähler ja offensichtlich für ungebildete Ignoranten. Das ist zu wenig
    für einen, der die Welt erklären will.

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Stärkt die Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki das Interesse, wie ein Atomkrieg heute verliefe?

Vor 75 Jahren zerstörten Atombomben Hiroshima und Nagasaki. Die Erinnerung macht uns auch darauf aufmerksam, dass die nukleare Waffentechnologie 75 Jahre lang weiterentwickelt wurde. Warum interessiert dies die demokratische Öffentlichkeit nicht stärker – obwohl das Risiko von Grosskriegen mit Beteiligung von Atommächten wächst, Verträge verletzt und ausser Kraft gesetzt werden?

Weiterlesen »

US-Truppen stehen primär im Interesse der USA in Europa

Präsident Trump plant offenbar, Teile der US-Truppen aus Deutschland abzuziehen, eventuell nach Polen zu verlagern. Das wirft Fragen auf, weshalb sie überhaupt in Europa stehen, und weshalb so viele in Deutschland. Augenfällig ist, dass sich Europa sicherheitspolitisch von den USA verselbständigen muss. Das ist nicht nur eine militärische Aufgabe.

Weiterlesen »