Sie befinden sich hier:

Warum sind die deutschen FDP-Liberalen so schwach?

Viel wird über den Niedergang der Volksparteien in Deutschland geschrieben und diskutiert – aber vergleichsweise wenig über die Schwäche der traditionellen liberalen Partei Deutschlands, der FDP. Wie kommt es, dass sie kaum davon profitiert, wenn Viele den Unionsparteien und der SPD den Rücken kehren? Wie kommt es, dass sie dem Zustrom zu Grünen und AfD kaum etwas entgegenzustellen hat?

Als sich die FDP unter Führung Christian Lindners nach den Bundestagswahlen einer sogenannten Jamaika-Koalition mit Union und Grünen verweigerte, konnte man denken, das sei strategisch zweifach geschickt: Erstens vergraule sie ihre Basis nicht durch Kompromisse, und zweitens erzwinge sie eine grosse Koalition, welche Union und SPD schwächen und damit Wählerpotenzial frei machen werde für die FDP.

Warum funktioniert das nicht? Warum gewinnt die FDP kaum bisherige Wählerinnen und Wähler der Union? Ein Teil von ihnen dürfte der FDP ihre Absage an „Jamaika“ verübeln. Dieser Teil wählt wohl weder Grüne noch AfD, sondern zieht sich in die Wahlabstinenz zurück. In der Tat: In einer „Jamaika“-Koalition hätten Union und FDP in einigen Bereichen eine liberalere Regierungspolitik  bewirken können als die grosse Koalition. Und „Jamaika“ hätte in der Klimapolitik die Grünen an Bord gehabt und damit vielleicht deren starken Zugewinnen, die wir jetzt erleben, vorbeugen können.

Die aktuelle Überraschung ist ja, dass die künftige SPD-Führung und selbst Juso-Chef Kevin Kühnert die GroKo nun doch nicht sofort verlassen wollen. Offenbar fürchten sie die Reaktion vieler Wählerinnen und Wähler, wenn die SPD die alleinige die Verantwortung für eine Regierungskrise übernähme. Man möchte mindestens der Union einen Teil der Verantwortung hierfür zuweisen können, indem man dann behauptet, sie habe der SPD neue Kompromisse verweigert, die zumutbar gewesen wären.

Spätestens im Oktober 2021 werden Bundestagswahlen stattfinden. Vielleicht wird es bis dahin zu einer Minderheitsregierung der Unionsparteien kommen, die wechselnde Mehrheiten im Bundestag bilden muss.

Zeit für die FDP, für drei Szenarien ihre Strategie zu überprüfen oder neu zu bilden: Für eine vorgezogene Bundestagswahl, für einen Fortbestand der GroKo bis Oktober 2021 und für ihre Rolle in einer Phase der Minderheitsregierung. Es müsste doch eine Strategie geben, die der FDP in diesen drei Szenarien Auftrieb verschafft.

Zum Szenario Minderheitsregierung äusserte sich Lindner laut FAZ so (Link zum Bericht):

„Sollte die derzeitige Koalition auseinanderbrechen, wäre die FDP „gesprächsbereit“. Der Partei- und Fraktionsvorsitzende der FDP, Christian Lindner, sagte dieser Zeitung, man sei schon jetzt bereit, „konstruktiv im Bundestag zu unterstützen, was wir richtig finden“. Er wies darauf hin, dass die FDP die Bundeswehreinsätze mittrage. „Diese Bereitschaft bliebe auch bestehen, sollte die jetzige Koalition zerbrechen und eine Minderheitsregierung entstehen“, äußerte Lindner. „Wir sind vor und nach Wahlen gesprächsbereit.“ Allerdings ergänzte er, wer glaube, er könne „über die FDP als Machtreserve nach Belieben verfügen, der irrt sich“. Politik, die etwa gegen die Marktwirtschaft gerichtet wäre, würde die FDP nicht mitmachen.“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Lesetipp bei wachsender Kriegsgefahr: George Orwell, „Reise durch Ruinen“.

„Reportagen aus Deutschland und Österreich“: 1945 berichtete der britische Schriftsteller George Orwell als Journalist, während der Krieg noch im Gang war. – Ein nächster Grosskrieg wäre nicht wie der letzte. Wahrscheinlich wäre er noch vernichtender, vor allem wenn Atomwaffen eingesetzt würden, auch wenn es „nur“ atomare Gefechtsfeldwaffen wären. Trotzdem sollten wir uns angesichts wachsender Grosskriegsrisiken vor Augen zu führen, was die Zivilbevölkerung durch den Zweiten Weltkrieg erlitt – im Bewusstsein, dass sie durch einen nächsten Grosskrieg noch härter getroffen werden könnte.

Weiterlesen »

Das verlorene Erbe – Russlands postsowjetischer Raum

Seit dem Ende der Sowjetunion wird der postsowjetische Raum meist territorial, militärisch oder machtpolitisch gedacht. Dieser Essay argumentiert aus einer anderen Perspektive: Nicht Territorium, sondern gesellschaftliche Systeme entscheiden über politische Zugehörigkeit und geopolitische Reichweite. Anhand zentraler Fallbeispiele zeigt sich, dass Russlands Einflussverlust weniger das Ergebnis militärischer Auseinandersetzungen ist als Ausdruck eines tiefgreifenden strukturellen Wandels – mit Konsequenzen nicht nur für Moskau, sondern vor allem für Europas strategische Selbstverortung. Essay von PolitReflex-Gastautor Ruedi Jeker*.

Weiterlesen »

Friedensfürst Trump…

Donald Trump habe als Präsident keinen Krieg begonnen, werben seine Anhänger. Wie relevant ist diese Botschaft in einem Moment, da Trump-Freund Viktor Orban an einer „Weltwoche“-Veranstaltung in Wien verkündet, die Ukraine habe den Krieg gegen Russland verloren?

Weiterlesen »