Fukushima liegt elf Jahre, die Unfälle bei Three Mile Island (1979) und Tschernobyl (1986) liegen noch weiter zurück. Seit Fukushima ist, soweit bekannt, nichts Schwerwiegendes mehr passiert. Allerdings zeigt sich nun in der Ukraine – nicht überraschend -, dass im Krieg besondere Risiken auftreten. Der Einfluss des Unfallrisikos auf die politische Willensbildung hat sich aber abgebaut und wird nun durch die akute Erwartung von stillstehenden Maschinen, Dunkelheit und Kälte verdrängt.
Latent war nebst der Unfallgefahr immer auch die Notwendigkeit der Endlagerung ein Kriterium zur Beurteilung der Nutzung der Kernenergie. Konkrete Ängste in der Bevölkerung, in deren Nähe ein Endlager gebaut werden könnte, wurden durch den ethischen Einwand überlagert: Darf man künftigen Generationen so etwas übergeben?
Der Widerstand gegen die Endlagerung wird wohl wieder aufflackern, aber vielleicht nur kurz, und vor allem in der Nähe des Standorts. Die Stromkrise kann die Durchsetzung des Endlager-Entscheids erleichtern. Selbst an den in Frage kommenden Standorten waren schon bisher nie alle dagegen.
Dennoch sollte man den Beitrag nicht überschätzen, den die Kernenergie zur Bewältigung der Energie- und zugleich der Klimakrise leisten kann. Besonders problematisch wäre es, diese Teilstrategie gegen die Produktion erneuerbarer Energie und gegen technische und verhaltensbeeinflussende Massnahmen zur Verminderung des Verbrauchs oder mindestens des Verbrauchsanstiegs auszuspielen. Bestehende Kernkraftwerke länger als vorgesehen zu betreiben, wird unumgänglich sein. Darauf beginnt sich nun auch die deutsche Regierung einzustellen. Aber allein der Zeitbedarf für den Bau neuer Atomkraftwerke macht klar, dass er keine Alternative zu Förderung erneuerbarer Energien und verbrauchsvermindernden Massnahmen ist. Diese Feststellung kommt nicht einer Absage an die geforderte Aufhebung des Ausstiegsentscheids gleich. Diese Debatte bleibt notwendig.
Sollte es zu einem weiteren schweren Atomunfall kommen – kriegsbedingt oder nicht -, kann die politische Auseinandersetzung um die künftige Nutzung der Kernenergie eine neue Wendung nehmen. Auch deshalb dürfen die Förderung erneuerbarer Energieproduktion und die Verbrauchsreduktion nicht einer Atom-Euphorie geopfert werden.