Sie befinden sich hier:

Was sagt uns der Vergleich der Abstimmungsresultate COVID-19-Gesetz und CO2-Gesetz?

„Autofahren nur noch für Reiche?“ Ein klassenkämpferischer Slogan gegen das CO2-Gesetz – eingesetzt von der SVP. – Das Referendum gegen das COVID-19-Gesetz führte zu einer Bestätigung der behördlichen Pandemie-Massnahmen durch 60 % der Stimmenden. Verbote und Gebote. die sich an Alle richten, unbesehen ihrer sozialen Lage, wurden besser akzeptiert als die Anreizstrategie, umweltschädigendem Verhalten einen Preis zu geben und diesen zu erhöhen.

Auch die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie treffen nicht alle gleich. Schauen wir etwa auf die Wohnverhältnisse: In einer grossen Wohnung lassen sich Home Office und Familienarbeit besser miteinander verbinden, und die Familienmitglieder ertragen das dauernde Beisammensein besser. Oder schauen wir auf das Home Schooling: Gut ausgebildete Eltern sind besser in der Lage, ihre Kinder beim Lernen zu Hause zu begleiten und zu unterstützen. Oder auf die unmittelbaren sozialen Auswirkungen: Wer im Niedriglohnbereich arbeitet und seine Stelle verliert, hat kaum erhebliche finanzielle Reserven angespart und muss seinen Lebensunterhalt aus den Zahlungen der Arbeitslosenversicherung und vielleicht später aus der Sozialhilfe bestreiten. Trotzdem wurde das COVID-19-Gesetz deutlich angenommen.

Die Strategie des finanziellen Anreizes wurde im 20. Jahrhundert als liberale Antwort auf die wachsenden Herausforderungen durch Schädigung der Umwelt entwickelt. So wollte man Verbote, Gebote, Bürokratie, Polizeikontrollen, Strafen vermeiden. Wenn der Markt dazu führe, dass die richtigen Güter und Dienstleistungen in der richtigen Menge angeboten werden, werde die Bepreisung von Umweltgütern deren Verbrauch vermindern.

Anreizstrategien mögen effizient sein, aber sie können soziale Sorgen und Probleme hervorrufen, die zu starken politischen Widerständen führen, umso mehr, wenn ganze Regionen Nachteile erwarten, wie im Fall einer Verteuerung des Autofahrens die Land- und Bergregionen. Und allzu viele junge Stimmberechtigte haben das CO2-Gesetz abgelehnt, weil sie weiterhin billig fliegen wollen.

Schon am Tag nach der Abstimmung haben freisinnige Kreise eine Kurskorrektur der Anreizstrategie vorgeschlagen: Vom „Bestrafen“ zum „Belohnen“. Wir werden sehen, wie sich das ausgestalten lässt und was es kostet.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Medienförderung: Die seltsamen Selbstverständlichkeiten der Gegnerinnen und Gegner.

Journalistische Arbeit kann finanziert werden:
durch die Konsumentinnen und Konsumenten von Information, Recherche, Analyse und Kommentar;
durch Werbeauftraggeber:innen;
durch Financiers und Financières;
durch staatliche Subventionen – in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Mit jeder dieser Finanzierungsquellen sind Risiken von Abhängigkeit verbunden. Ein interessantes Thema. Interessant ist auch, was die Gegnerinnen und Gegner der Medienförderungsvorlage herausgreifen, und was für sie anscheinend selbstverständlich ist.

Weiterlesen »

Rahmenbedingungen der schweizerischen Europapolitik in steter Bewegung

Es wird nicht so bald zu einem neuen Handelsabkommen zwischen der Schweiz und den USA kommen. Dies ergaben schweizerisch-amerikanische Gespräche am WEF in Davos. Das verändert die Rahmenbedingungen für die Europapolitik. Eine nächste Veränderung könnte die mögliche Rückkehr der Lega in die italienische Regierung bringen.

Weiterlesen »

EMRK, EGMR: Eine Umfrage als Momentaufnahme. Wie kann es weitergehen?

Die Tamedia-Blätter veröffentlichen am 12.6.24 Ergebnisse einer Umfrage zur Gutheissung der Klage der KlimaSeniorinnen durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Die Teilnehmenden sind mehrheitlich der Meinung, er habe seine Kompetenzen überschritten, und sein Urteil solle nicht vollzogen werden.

Weiterlesen »