Sie befinden sich hier:

„Konkordanz“ ist, wenn zu drei Vierteln gegen Bundesrat und Parlamentsmehrheiten abgestimmt wird.

Am 13. Februar 2022 setzten sich die Stimmenden bei zwei Gesetzesvorlagen und einer Volksinitiative über den Willen des Bundesrats und der Mehrheiten von National- und Ständerat hinweg. Eine solche Entwicklung ist auch eine Folge davon, dass die Schweiz keine echten Regierungsparteien hat.

Nun wird festgestellt und teils beklagt, dass der Bundesrat führungsschwach sei und an Überzeugungskraft verloren habe (siehe z.B. in diesem NZZ-Kommentar: Link). Dies ist systembedingt: Dadurch, dass die Zugehörigkeit der vier grössten Parteien zum Bundesrat sachpolitisch bedingungslos ist („Zauberformel“). Sie sind deshalb auch frei, sich vor Abstimmungen von der Haltung der Regierung, der sie angehören, zu distanzieren. Die Schwäche des Bundesrates gegenüber den Parteien ist politisch gewollt – bis zu einem gewissen Grade. Vielleicht ist der gewisse Grad jetzt überschritten.

Interessant wird sein, ob diejenigen Parteien, die sich neu um Einsitznahme in den Bundesrat bewerben, ebenfalls auf der sachpolitischen Bedingungslosigkeit beharren werden. Sie ist ja sehr attraktiv für die Bundesratsparteien: Sie sind frei – zugleich aber auch gezwungen -, ihre Flügel und Interessengruppen zu bedienen, soweit, dass sie sich jederzeit entschliessen können, vor einer Volksabstimmung eine Vorlage zu bekämpfen, die ihre Vertreterinnen und Vertreter im Bundesrat und ihre Fraktionen erarbeitet und unterstützt haben, evtl. als Kompromiss.

Die Alternative wäre die Verständigung auf ein minimales Regierungsprogramm. Dies müsste kein umfangreicher, umfassender, detaillierter Koalitionsvertrag wie in Deutschland sein. Die Bereitschaft müsste sich auf wichtigste Aufgaben konzentrieren, wie etwa Rentenreform und Beziehungen zur EU.

Man hat das Zauber-Prinzip der unverbindlichen Regierungszugehörigkeit lange damit gerechtfertigt, dass die Schweiz unregierbar würde, wenn grosse Parteien in der Opposition wären und gegen die Regierungspolitik Initiative und Referendum einsetzen würden. Wenn die Parteien aber immer rigoroser die Unverbindlichkeit ihrer Regierungszugehörigkeit  in den Dienst ihrer Strategien und ihrer radikalen Flügel und Interessengruppen stellen, wird gerade punkto Regierungsfähigkeit eine Neubeurteilung nötig.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Vorwirkung von Volksinitiativen?

Die Bestimmungen der Bundesverfassung (BV, Art. 139) über die Volksinitiative geben dieser keine Vorwirkung. Sollte die heftige Debatte, die im Fall der Kampfflugzeugbeschaffung geführt wird, in einen Vorstoss zur Einführung der Vorwirkung in die BV münden, würde sich ihre Zwiespältigkeit zeigen.

Weiterlesen »

Geschichten aus dem Kalten Krieg – in Putins Sinn erzählt

Die Weltwoche, Zeitung des Ressortchefs Europapolitik der SVP, hat „von den USA unterstützte Versuche eines Regimewechsels während des Kalten Krieges (1947–1989)“ zusammengestellt. Vorab: Würde man die Liste ab1942 führen, müsste man aufnehmen, dass die USA entscheidend zum Sturz von Hitler und Mussolini beitrugen.

Weiterlesen »

Fall „NZZ am Sonntag“: Wir sind nicht hilflos gegen Fehlentwicklungen in der Medienlandschaft.

Wenn der NZZ-Verlag eine Marktlücke öffnet, indem er die „NZZ am Sonntag“ durch den Wechsel in der Chefredaktion auf den Kurs der Leitung der NZZ des Werktags zwingt, muss er mit Kräften rechnen, die diese Lücke füllen: Durch Weiterentwicklung eines bestehenden oder durch Schaffung eines neuen Angebots. Online oder gedruckt, wohl eher online. Es gibt Beispiele dafür.

Weiterlesen »