Sie befinden sich hier:

Schweiz-EU: Wie weiter nach dem Verhandlungsabbruch?

Der Schweizer Nicola Forster, bekannt geworden als Gründer des aussenpolitischen Think Tanks foraus, und der Europa-Parlamentarier Andreas Schwab, Vorsitzender der CDU Südbaden, legen unter dem Titel „Schweiz und Europa“ eine Analyse der Grundlagen, Entwicklungen und Perspektiven der Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU vor und wagen einen Ausblick.

Das rund 250-seitige, 2022 im Verlag Herder erschienene Werk ist zunächst als Informationsmittel zu empfehlen, das über den Tag hinaus nützlich sein wird. Interessierten sowohl in der Schweiz als auch in EU-Ländern legt es in folgenden Kapiteln Herkommen und Eigenheiten der beiden Partner und die Entwicklung ihrer Beziehungen dar:

  • Die Schweiz in Europa – Mythen und Fakten
  • Schweizer Europapolitik zwischen Konkordanz und Volksabstimmung
  • Die Schweiz in Europa – Zahlen und Verträge
  • Das Rahmenabkommen als ein Weg in eine neue bilaterale Zukunft
  • Alternativen zum Rahmenabkommen

Vorangestellt haben die Autoren Kurzkommentare von Jean-Claude Juncker, Doris Leuthard, Johannes Hahn, Christoph Blocher und Winfried Kretschmann.

Im „Ausblick“ gehen sie davon aus, dass der bilaterale Königsweg „an ein Ende gekommen“ sei, „da die EU nun nicht mehr bereit ist, nach demselben Muster auch zukünftige Einzelverträge abzuschliessen.“ Seit dem Verhandlungsabbruch werde „immer klarer, dass die Schweiz dringend eine Lösung mit ihren wichtigsten Handelspartnern braucht: für die Forschung (Horizon Europe), im Gesundheits- oder auch im Strombereich“.

Als kurz- und mittelfristig realistische Weiterentwicklungsmöglichkeiten sehen die Autoren „Bilaterale III“, die sie auch als „Swiss Deal“ bezeichnen, oder den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Gründlich setzen sie sich mit der Idee auseinander, den Weg Grossbritanniens zu gehen, und kommen zum Schluss, ein Entscheid hierfür sei „vor dem Hintergrund der geografischen Situation der Schweiz und ihrer Interessenlage sehr unwahrscheinlich“.

Sie halten es für möglich, dass in der Schweiz die Erfahrung des Ukraine-Kriegs und der drohenden Energieverknappung die notwendige innenpolitische Einigung auf eine realistische Verhandlungsposition gegenüber der EU beschleunige. „Es besteht auf Seiten der EU-Kommission die Bereitschaft zu einem Kompromiss“ – auch in der Lohnschutzfrage – „aber solange die Schweizer Seite nicht darlegt, welche Lösung im Einzelnen innenpolitisch eine Mehrheit bei einem möglichen Referendum liefert, kann sich die EU-Kommission nicht bewegen. Wenn die Schweiz aber ernstgemeinte und breit abgestützte Vorschläge macht, die auch für die EU umsetzbar sind, wäre ein neuer ‚Swiss Deal‘ möglich.“

Der Schlüssel zu einer Verständigung liege beim Bundesrat: „Nur er kann die politische Verantwortung dafür übernehmen, eine entsprechende Vereinbarung mit der Europäischen Union in der Schweiz für ein Referendum mehrheitsfähig zu machen. Nur die Schweizer Regierung kann wissen, wie das nationale Recht in der Eidgenossenschaft angepasst werden kann, um die Grundideen der europäischen Freizügigkeit zu respektieren, ohne aber den gesamten Acquis zu übernehmen.“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Appelle aus der Schweiz für militärische Bereitschaft, militärischen Widerstand

Die Empörung über Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine wächst weiter. In der Folge sind Appelle und Kritik aus der Schweiz an die NATO und ihre Mitgliedsländer zu vernehmen, die militärische Bereitschaft zu erhöhen, die Ukraine militärisch stärker zu unterstützen und sich auf einen Übergriff Russlands auf NATO-Gebiet vorzubereiten. Dies ist verständlich, und neutralitätsrechtlich ist es problemlos, denn die Schweiz hat eine Verpflichtung zu Gesinnungsneutralität ihrer Einwohnerinnen und Einwohner immer abgelehnt, zum Beispiel auch gegenüber dem Dritten Reich. Aber es stellt sich eine Konsequenzfrage.

Weiterlesen »

Die Europapolitik erst nach den Wahlen 2023 neu orientieren?

Selbst wenn es Vorteile für die eine oder andere Partei hätte: Zwischen jetzt und dem eidgenössischen Wahlwochenende 2023 wirkt sich der Verhandlungsabbruch mit der EU viel zu stark aus, als dass man die Neuorientierung der Europapolitik einer dann neu gewählten Regierung überlassen könnte. Zumal da offen ist, ob sich der Bundesrat nach den Wahlen 2023 europapolitisch relevant vom heutigen unterscheiden wird.

Weiterlesen »

Kann die Schweiz Europa durch Verweigerungen sozialer und humaner machen?

Nein zu einem institutionellen Abkommen mit der EU, vor allem Nein zu Kompetenzen des EU-Gerichtshofs, die den schweizerischen Lohnschutz schwächen können, und Nein zu höheren Beiträgen an Frontex: Gewerkschaften und grosse Teile der SP sind offenbar überzeugt davon, die Schweiz könne durch Verweigerungen zu einer sozialeren und humaneren Entwicklung Europas, insbesondere der EU, beitragen. Darüber ist nachzudenken und zu diskutieren.

Weiterlesen »