Veränderte Fokussierung
In meinen jüngsten Analysen verzichte ich bewusst darauf, Politiker in den Mittelpunkt zu stellen. Nicht, weil ich ihre Wirkung unterschätze, sondern weil ich die eigentliche Machtverschiebung unserer Zeit an einer anderen Stelle verorte. Wer geopolitische Entwicklungen strategisch betrachtet, muss unterscheiden zwischen sichtbarer politischer Führung und struktureller Macht.
Politiker, auch mächtige Präsidenten wie Donald Trump, sind zeitlich begrenzte Akteure. Selbst polarisierende Persönlichkeiten wirken innerhalb institutioneller Rahmenbedingungen. Die Vereinigten Staaten von Amerika verfügen beispielsweise über eine mehr als 250-jährige Verfassungstradition mit Gewaltenteilung, föderaler Balance, unabhängigen Gerichten und periodischen Wahlen. Diese Architektur begrenzt die Handlungsspielräume jeder Exekutive – auch einer ambitionierten.
Macht ohne Mandat
Was mich stärker beschäftigt, ist die Verselbstständigung technologischer Macht.
Unternehmer wie Elon Musk oder Jeff Bezos stehen nicht nur für wirtschaftlichen Erfolg, sondern für die Kontrolle strategischer Infrastrukturen: Satellitennetze, Cloud-Systeme, digitale Plattformen, Künstliche Intelligenz, Datenströme. Diese Infrastrukturen sind nicht mehr nur ökonomische Werkzeuge, sondern Grundvoraussetzungen moderner Staatlichkeit.
Künstliche Intelligenz – in Form großer Sprachmodelle, algorithmischer Entscheidungssysteme und globaler Plattformarchitekturen – beginnt, Informationsräume, öffentliche Diskurse und wirtschaftliche Prozesse zu strukturieren. Algorithmen bestimmen, welche Inhalte sichtbar werden, welche Märkte effizient funktionieren und welche Narrative verstärkt werden.
Damit entsteht eine neue Ebene von Macht: infrastrukturelle, datenbasierte Systemmacht.
Diese Macht ist nicht demokratisch legitimiert, sondern privat organisiert. Sie ist global vernetzt, kapitalstark und technologisch hochdynamisch. Staatliche Regulierung hingegen ist national gebunden, verfahrensgebunden und oft zeitverzögert. Hier entsteht ein strukturelles Spannungsfeld zwischen politischer Souveränität und technologischer Autonomie.
Demokratie im Zeitalter technologischer Infrastrukturen
Sind diese technologischen Akteure mächtiger als Staatsführer? Kurzfristig nicht. Langfristig jedoch beeinflussen sie Rahmenbedingungen, innerhalb derer politische Entscheidungen überhaupt erst getroffen werden. Wer die Infrastruktur kontrolliert, beeinflusst Handlungsspielräume. Diese Macht ist subtiler als politische Befehlsgewalt – aber strategisch tiefgreifender.
Autokratien wie China integrieren technologische Systeme stärker in staatliche Kontrolle. Demokratien hingegen müssen Regulierung, Wettbewerb, Innovationsfreiheit und Grundrechte in Balance halten. Das macht sie langsamer – aber nicht zwangsläufig schwächer. Im Gegenteil: Historisch haben pluralistische Systeme eine höhere Anpassungsfähigkeit bewiesen.
Der Zerfall der Sowjetunion zeigt, dass zentralisierte Machtstrukturen bei innerer Erosion abrupt destabilisieren können. Demokratien hingegen korrigieren sich konfliktreich, aber graduell. Diese graduelle Anpassung ist weniger spektakulär – aber langfristig robuster.
Deshalb verschiebt sich mein analytischer Fokus. Ich frage weniger, welche Person das Präsidentenamt ausübt, sondern wie sich die Beziehung zwischen Staat und technologischer Infrastruktur entwickelt. Kann demokratische Regulierung mit KI-Entwicklung Schritt halten? Bleibt wirtschaftliche Diversifikation erhalten? Wer kontrolliert Daten, Cloud-Kapazitäten und algorithmische Steuerungsmechanismen?
Techno-Aristokratie
Die geopolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts liegt nicht primär in ideologischen Führungsfiguren, sondern in der Frage digitaler Souveränität.
Es geht um Halbleiter, Rechenzentren, Energieversorgung, Lieferketten, Plattformarchitekturen. Es geht um Modelle, Trainingsdaten, Rechenleistung – und um die Fähigkeit von Staaten, diese Ressourcen strategisch einzubinden.
Während Politiker kommen und gehen, organisieren Technokonzerne die Macht neu. Technologische Systeme skalieren global und entwickeln Eigendynamiken. Diese Dynamiken sind nicht unkontrollierbar, aber sie erfordern neue Formen von Governance, Kooperation und sicherheitspolitischer Einbettung.
Fazit
Die größere Frage lautet: Wie bleibt demokratische Ordnung handlungsfähig in einer Welt, in der technologische Infrastruktur teilweise mächtiger wirkt als klassische politische Autorität? Ich sehe darin keinen unmittelbaren Untergang westlicher Demokratien. Aber ich sehe eine Verschiebung von Machtzentren, die nüchtern analysiert werden muss. Wer über geopolitische Zukunftsfähigkeit spricht, darf die Rolle von KI, Plattformmacht und digitaler Infrastruktur nicht als Randphänomen behandeln.
Die neue Aristokratie ist nicht erblich, sondern technologisch. Sie definiert sich nicht über Territorium, sondern über Netzwerke und Rechenleistung. Und genau deshalb gehört sie ins Zentrum strategischer Analysen.
* Ruedi Jeker war 1999 bis 2007 Regierungsrat des Kantons Zürich, als Vertreter der FDP gewählt. Bis 2003 hatte er das Amt des Volkswirtschaftsdirektor, danach dasjenige des Sicherheitsdirektors inne. Von 2004 bis 2005 war Jeker Regierungspräsident. Aufgewachsen im Kanton Solothurn schloss Jeker an der ETH Zürich ein Studium als Kulturingenieur ab, das er mit einer Doktorarbeit über die regionale Wirtschaftsförderung ergänzte. Im Militär liess sich Jeker zum Kampfjet- und Helikopterpiloten ausbilden. Die militärische Laufbahn schloss er als Oberst und Kommandant eines Fliegerregiments in der Schweizer Luftwaffe ab.