Sie befinden sich hier:

Pflege und Betreuung von Angehörigen kann ein berufliches und soziales Risiko sein

„Wer fürsorglich seine betagte Mutter pflegt, kann seine Pläne im Beruf nicht mit höchstem Engagement vorantreiben“, stellt Jonas Projer, Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“, in der Ausgabe vom 6. November 2022 fest. „Auch Teilzeitarbeit hält leider nicht, was sie verspricht: Anders als viele junge Frauen und Männer hoffen, tangiert Teilzeit – ab einer gewissen Stufe – durchaus den beruflichen Erfolg.“

Anlass zu diesen Feststellungen sind der Rücktrittsgrund von Bundesrätin Sommaruga und die Diskussion, ob die SP für Frau Sommarugas Nachfolge eine Mutter schulpflichtiger Kinder nominieren solle. Es ist zu begrüssen, dass Projer den Bogen schlägt zu der in der Bevölkerung weit verbreiteten Pflege und Betreuung hochaltriger und chronischkranker Angehöriger.

Die möglichen Auswirkungen können aber über ein Karrierehindernis hinausgehen. Dies ist dann der Fall, wenn pflegende und betreuende Angehörige – allermeistens Töchter und Schwiegertöchter -, darunter auch wenig Verdienende, ihr Arbeitspensum reduzieren oder ganz aus der Erwerbsarbeit ausscheiden, um genügend Zeit für ihre Pflege- und Betreuungsarbeit zu finden. Sie nehmen damit ein Verarmungsrisiko auf sich, auch weil die Rentenbildung durch die berufliche Vorsorge zurückgeht oder eingestellt wird, und können zudem krank werden, weil sie sich körperlich und seelisch überfordern. Geht die Pflege- und Betreuungsarbeit zu Ende, durch Eintritt in ein Heim oder durch den Tod, kann ein Wiedereinstieg ins Erwerbsleben schwer oder unmöglich geworden sein.

Unterstützung betreuender Angehöriger ist deshalb wichtig und beugt sozialen Folgekosten vor. Sorge zu tragen ist auch den Heimen und ihrem Ansehen in der Öffentlichkeit. Vielen alten Menschen, wahrscheinlich die meisten, fällt verständlicherweise die Trennung von der eigenen Wohnung, der Übertritt in ein Heim schwer, besonders wenn er mit vorübergehender oder gar dauerhafter Trennung von Gattin oder Gatte, Lebenspartnerin oder Lebenspartner verbunden ist. Wenn dazu noch ein abschreckendes Bild vom Leben im Heim kommt, kann ein allzu langes Verweilen in der eigenen Wohnung zu schweren Nachteilen für die Pflegebedürftigen und zur Überforderung ihrer Angehörigen führen.

Leseempfehlung:

Alzheimer Schweiz: „Arbeiten und Angehörige pflegen“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Wird die SPS Schwesterpartei der deutschen „Linken“?

Noch im letzten Jahrhundert äusserte Peter Bodenmann, Präsident der SPS, seinen Stolz darauf, dass diese dank der „Zauberformel“ – der sachpolitischen Unverbindlichkeit der Regierungsbeteiligung – die linkeste Sozialdemokratie Europas sei. Unter der neugewählten Führung von Cédric Wermuth und Mattea Meyer kann sie zur Schwesterpartei der deutschen „Linken“ werden. Ein Vorstandsmitglied dieser Partei überreicht in der WOZ schon einmal „Eine Rose für Europa“*.

Weiterlesen »