„Die 65- bis 70-Jährigen sind eine unterschätzte Generation.“ Unter diesem Titel erschien in der „NZZ am Sonntag“ vom 15. Februar 2026 in der Rubrik „Geld & Geist“ eine Kolumne von Melanie Häner-Müller, Leiterin des Bereichs Sozialpolitik am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Zürich. Sie verdient Dank dafür. Es ist höchste Zeit, dass jemand sich der Frage des gesunden Alters annimmt. Man spricht über Betreuung im Alter, über Pflege und Medikamente, aber über die Bedürfnisse von gesunden Alten, die oft zu früh aus dem Erwerbsleben ausscheiden müssen, spricht man nicht.
Vielleicht braucht es eine andere Bezeichnung, wenn man von älteren Menschen zwischen 65 und 70, oder eher bis 80 spricht.
Es besteht auch ein grosses Missverständnis: Man bietet Betreuung und Unterhaltung, aber keine sinnstiftende Betätigung an. Als ältere Person fühlt man sich nicht mehr ernst genommen. Nur ein Beispiel: Die Stadt Zürich rüstet um, das Auto soll verschwinden, Parkplätze werden willkürlich aufgehoben. Velos und Trottinetts werden überall bevorzugt. Niemand wird in der Stadt offenbar älter, und die Tatsache, dass gerade für ältere Menschen das Auto Selbständigkeit bedeutet ist offensichtlich kein Thema. Dabei wäre es ein wichtiger Beitrag, unabhängig zu bleiben und sich selbst zu versorgen.
Wie kann man das ungenutzte Potential nutzen? Mal sicher wäre die Erwerbstätigkeit bis 70 Jahre zu erhöhen, aber es braucht offenbar noch Zeit, bis das eine Mehrheit bei uns einsieht. Es gibt Möglichkeiten die Fähigkeiten älterer Menschen von Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen, ganz ohne neue Gesetze.
Die Wirtschaft hat es in der Hand, alte Menschen auch nach dem Pensionsalter weiter zu beschäftigen. Teilzeitarbeit, aber auch gezieltes Nutzen von Lebenserfahrung und fachspezifischem Wissen wären gefragt. Lebenserfahrung kann besonders für die Anleitung von Jungen viel bewirken.
Wichtig wäre auch ein neuer Impuls für die Freiwilligenarbeit. Die Frage ist: Welche Tätigkeiten könnten für die Gesellschaft nützlich sein, die mangels Ressourcen nicht wahrgenommen werden? Hier sind die vielen bestehenden Vereine gefragt, nicht zuletzt auch Quartiervereine etc.
Ein Mittel gegen die Einsamkeit, von der viele ältere Menschen betroffen sind, wäre dies auf jeden Fall.
Es kann nur bestätigt werden, was Melanie Häner-Müller schreibt: „Die 65- bis 70-jährigen sind eines der grössten ungenutzten Potenziale unserer alternden Gesellschaft.“
Vielleicht geht es uns zu gut und wir erkennen – wie auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft – die Probleme, ohne dass der Wille zu einem gemeinsamen Handeln besteht.
Wir sitzen in einem goldenen Käfig. Aber wir können nicht öffnen, obwohl der Schlüssel vor unserer Nase liegt. Wir diskutieren und sind uns nicht einig, ob der Schlüssel wirklich ins Schloss passt oder nicht!
* Weitere Informationen über Franziska Frey-Wettstein finden Sie auf ihrer Homepage (Link).