Sie befinden sich hier:

Die Bereitschaft zum Töten fördern?

„Wer Militär besitzt, muss damit umgehen können, zu töten“, schreibt Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ in seinem Leitartikel vom 26.3.2.2022. „Deutschland kann das nicht.“ Muss die Bereitschaft zum Töten gefördert werden, um den Westen bereit zu machen für die drohenden militärischen Auseinandersetzungen mit Russland, China und starken Mittelmächten wie Iran?

Wer militärisch ausgebildet wurde, wie der Schreibende und etliche Leser dieses Textes, lernte zu töten. Dies war ja auch ein Hauptgrund für die Forderung eines Teils unserer Gesellschaft nach Abschaffung der Armee und der allgemeinen Wehrpflicht, und für die Einführung des Zivildienstes für Militärdienstverweigerer. Ob mit der Ausbildung an Sturmgewehr, Handgranate, Raketenrohr, zum Panzer- oder Artilleriesoldaten oder Kampfpiloten auch die mentale Bereitschaft zum Töten aufgebaut wurde, ist allerdings eine ganz andere Frage, die sich wohl nur individuell beantworten und nur im Gefecht testen liesse.

Die Beziehung der westlichen Gesellschaften zum Töten entwickelte sich nicht nur in der militärischen Ausbildung und in Kriegen, sondern auch im Zivilleben. Noch im 19. Jahrhundert und im beginnenden 20. Jahrhundert verloren in Europa Männer ihr Leben in Duellen. Mit Selbstverständlichkeit beanspruchten gute Fechter und Pistolenschützen das Recht, jeden, der zum Duell bereit war, zu töten. Einige mögen Lust daran empfunden haben – man würde sie heute wohl als Psychopathen betrachten.

Nach dem Verbot des Duells war das Töten unter Privaten nur noch kriminell. Ein weiterer Markstein der Entwicklung unserer Beziehung zum Töten war in Teilen der Welt die Abschaffung der Todesstrafe.

Wie können Menschen, die legales Töten im Zivilleben nicht mehr erfahren, im Militär damit „umgehen“? Gujers Frage ist wohl politisch gemeint. Dann geht es nicht darum, ob deutsche oder schweizerische Soldaten oder solche aus anderen europäischen Ländern in einem Krieg tatsächlich töten würden, sondern ob sie als Bürgerinnen und Bürger für eine Politik eintreten, die kriegerische Entwicklungen möglichst vermeidet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten wir eine hohe Zeit der „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer) und der Menschenrechte. Es wird sich nun zeigen, ob dies eine Ausnahmeerscheinung in einer Weltgeschichte war, für die Krieg zuvor Normalität war. Damit würden sich die Einstellungen zum Töten wohl leider von selbst verändern.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Wachsender Stress unserer Gesellschaft – Flexibilität und Toleranz müssten „cool“ werden

Zug verspätet oder ausgefallen, Flug gecancelt, Bedienung im Restaurant langsamer als früher, noch seltener ein Handwerker, der Zeit hat, eine angelernte Hilfslehrerin in einer Grossklasse, die Arztpraxis überfüllt – die Stress-Symptome unserer Gesellschaft erstrecken sich über alle Lebensbereiche und nehmen zu. Können wir uns allmählich besser darauf einstellen?

Weiterlesen »

Aufbruch und Neuorientierung nach Corona: Wer, mit wem, in welche Richtung?

Unsere ersten Gedanken und unsere Hilfsbereitschaft gelten denen, die durch Corona geschwächt und in existenzielle Sorge gebracht werden: Durch Arbeitslosigkeit, Geschäftsaufgabe, Verarmung, Beziehungskrisen. Aber es ist auch wichtig, an die Zeit danach zu denken: Wer wird die Gesellschaft, die Wirtschaft wieder in Gang bringen und neu ausrichten? In welche Richtung?

Weiterlesen »