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Eine neue Strategie der Vertrauensbildung entwickeln

Als ob wir nicht schon schnell genug in Richtung Misstrauensgesellschaft unterwegs gewesen wären – jetzt greift noch eine Künstliche Intelligenz um sich, die dazu führt, dass wir bei keinem Text, keinem Bild mehr sicher sein können, ob es „fake“ ist. Aber ohne Vertrauen ist kein tätiges Leben, keine wirksame gesellschaftliche und politische Beteiligung möglich. Wer keine Vertrauensbeziehungen hat, vereinsamt als Mensch, als Bürgerin und Bürger.

Misstrauen kann aber auch in Abhängigkeit von Quellen und Einflüssen führen, die noch viel mehr Misstrauen erfordern würden: Wenn man Behauptungen glaubt und Anschauungen übernimmt, nur weil sie sich gegen „Mainstream“, „Lügenpresse“, „Classe Politique“ richten.

Politik und politische Kommunikation werden immer professioneller. Dieser Professionalismus muss unter diesen neuen, sich rasant verschärfenden Verhältnissen eine Strategie der Vertrauensbildung entwickeln – wobei der Professionalismus an Grenzen stösst. Denn der Misstrauensschürung durch Massenkommunikation muss Vertrauensbildung durch Zielgruppen- und Individualkommunikation entgegengestellt werden. Dies erfordert Kompetenz, und es muss Zeit und Kapazität dafür freigeschaufelt werden.

Die freiheitliche, partizipationsfreundliche Demokratie braucht solide Vertrauens-Pyramiden: Jede und jeder muss auf dem Weg nach oben seine Beziehung pflegen und stärken zur Basis, aus der sie oder er kommt, und zu den unteren und mittleren Verantwortungsebenen, die sie oder er durchlief. Die Social Media sind hierbei nicht nur ein Problem, sondern können – gekonnt eingesetzt – auch ein unterstützendes Instrument sein.

Diese Vertrauensbeziehungen zu bewahren und zu stärken, ist aufwändig, aber nötig: Nicht nur für Politikerinnen und Politiker, sondern auch für die Wissenschaft und für die Medienschaffenden.

Sie können wirken. Ein Beispiel aus einer etwas früheren Phase der aufsteigenden Misstrauens-„Kultur“. Die SVP schürte in der Kampagne für ihre Einbürgerungsinitiative Misstrauen gegen die kommunalen Einbürgerungsbehörden und Gemeinderäte. Die Initiative wurde 2008 verworfen, weil der Anteil der Stimmenden gross war, die beurteilen konnten, dass die Vorwürfe übertrieben waren.

Wenn demokratische Politik künftig mehr Zielgruppen- und Individualkommunikation erfordert, können und müssen auch Organisationen helfen, in denen Politikerinnen und Politiker tätig waren oder noch sind: Ideelle Vereine, Berufsverbände, Sport-, Kultur- und Freizeitclubs, Ehemaligenorganisationen, Serviceclubs und andere mehr.

Siehe auch:

„Wenn Vertrauensverlust um sich greift – was tun?“ (Link)

„Grenzen der Misstrauenskultur. Ganz ohne Vertrauen sind Orientierung und Entscheidung unmöglich“ (Link)

„Le Temps“, 6.4.2023: „Fausses fotos, vidéos et voix: une terrible ère du doute commence“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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