Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, vergleicht in seinem Leitartikel auf der Frontseite der Ausgabe vom 25. Juli 2020 die Europäische Union nach dem Corona-Gipfel mit dem „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ (Link zum Artikel):
„Der eine fürchtet ihren Zerfall, der andere sehnt ihn herbei. Unrecht haben vielleicht beide. Auch verknöcherte Institutionen mit schwindendem Daseinszweck erfreuen sich mitunter eines langen Lebens. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation, so etwas wie der mittelalterliche Vorläufer der EU, war nach dem Westfälischen Frieden eigentlich obsolet. Es dauerte dann aber weitere 150 Jahre bis zu seinem Untergang.“
Ein Vergleich, über den nachzudenken sich lohnt. Ursula von der Leyen – bzw. ihr Amt des Kommissionspräsidiums – mit einem Kaiser vergleichen? Zu gross sind wohl die Unterschiede des Amts, der Wahl, der Zusammensetzung des „Reichs“. Den Vergleich abzulehnen, ist nicht gleichbedeutend mit dem Ausschluss von Gujers Prognose. Es kann so kommen, muss aber nicht: Längerer Fortbestand der EU bei schwindender Bedeutung, bis zum schliesslichen Verschwinden. Was gibt Gujers Vergleich für die Prognose her, welche Kräfte ins Machtvakuum träten?
Auf Seite 2 derselben Ausgabe glossiert Ivo Mijnssen, NZZ-Korrespondent in Wien, unter dem Titel „EU – weder Sowjetunion noch Adelsrepublik“ zwei Vergleiche (Link zum Artikel):
„(…) So gehört der Vergleich mit der Sowjetunion (UdSSR) fast schon zum guten Ton unter jenen, die einen radikalen Rückbau der EU fordern. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban vergleicht die «europäischen Bürokraten» gern mit sowjetischen Apparatschiks und Kritik aus Brüssel an seinem Machtgebaren mit dem Einmarsch der Sowjetarmee im Jahr 1956. Der ehemalige britische Aussenminister Jeremy Hunt nannte die EU analog zur UdSSR ein Völkergefängnis, und Marine Le Pen meinte, sie lehne «diese europäische Sowjetunion» ab.
Während Euroskeptiker das Schreckgespenst einer zu starken EU umtreibt, fürchten deren Anhänger Paralyse und Zerfall – jüngst auch im Zuge der schwierigen, von Vetodrohungen überschatteten EU-Budgetverhandlungen. Mit den eingängigen Vergleichen tun sie sich aber schwerer. Immerhin verhalfen sie der frühneuzeitlichen Adelsrepublik Polen-Litauen und dem «Liberum Veto» zu unverhofftem Ruhm: Letzteres bezeichnet die fast unbeschränkte Blockademacht einzelner Parlamentsmitglieder, welche Ende des 18. Jahrhunderts neben äusserer Aggression zum Verschwinden der frühneuzeitlichen Grossmacht von der Landkarte beitrug. (…)“
„Als analytisches Werkzeug eignen sich allerdings weder der bizarre Sowjetunion-Vergleich noch der Rückgriff auf «Liberum Veto»“, findet Mijnssen. „Die starke Rolle der einzelnen Länder und die Notwendigkeit von Kompromissen verhindern sowohl eine Brüsseler Diktatur als auch die totale Blockade. Eine emotionale historische Parallele hat gegenüber der ambivalenten Gegenwart immerhin den Vorteil, ein eindeutiges Resultat zu liefern.“
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Historische Vergleiche, wenn sie nicht (wie der Sowjetunion-Vergleich) offensichtlich diffamierend und propagandistisch sind, können anregend sein. Wichtig ist aber, die Unterschiede zur zitierten historischen Situation zu sehen. Etwa, wenn befürchtet wird, Deutschland sei wieder bei „Weimar“ angekommen. Entscheidende Bedingungen für Hitlers Aufstieg fehlen heute: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde kein unkluger Versailler Vertrag aufgezwungen. Revanche für einen Krieg, den Teile der deutschen Armeeführung gar nicht als verloren anerkannten („im Felde ungeschlagen“), ist so wenig Thema wie die damit verbundene Dolchstosslegende. Die extreme Rechte verfügt über keine kampferprobten Frontkämpfer, die sie als SA in den Strassenkampf werfen und für Terroraktionen einsetzen kann. Das heutige Deutschland blickt auf eine Konsolidierung in einem integrierten Europa zurück, die weitherum durchaus als bewahrenswerter Erfolg betrachtet wird.