Sie befinden sich hier:

Den Deutschen fehle Wehrwillen – ergibt sich aus einer fragwürdigen Umfrage

„Nicht nur wehrunfähig, sondern auch wehrunwillig“, überschreibt Marc Felix Serrao, Chefredaktor der NZZ Deutschland, einen Meinungsartikel über eine Umfrage, die im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur durchgeführt wurde.

Der Titel scheint einer frohen Botschaft an Putin gleichzukommen: Starte nach Deutschland durch, wenn du das Sowjetreich wiederhergestellt hast. Die Deutschen können und wollen sich gegen dich nicht verteidigen. Du müsstest, wie schon im Baltikum, auf Truppen von NATO-Verbündeten stossen, aber wie sehr Franzosen, Briten, Südeuropäer und Andere für Deutschland kämpfen werden, wenn die Deutschen keinen Krieg im Lande wollen, magst du selbst einschätzen.

Vielleicht sind Putin und seine Ratgeber – so er welche hat, die diese Bezeichnung verdienen – klug genug, sich nicht auf diese Umfrageergebnisse zu verlassen.

Auszug aus der Zusammenfassung der Umfrage:

„Auf die Frage, wie er (oder sie) sich im Falle eines militärischen Angriffs auf Deutschland verhalten würde, antwortet nur jeder zehnte erwachsene Bundesbürger, dass er zum Kriegsdienst bereit wäre. Und nur jeder zwanzigste würde sich freiwillig melden. Eine Mehrheit der Deutschen würde entweder versuchen, weiterhin ihr gewohntes Leben zu führen (33 Prozent), oder so rasch wie möglich das Land verlassen (24 Prozent).“

Der Autor weist immerhin darauf hin, dass Deutschland mit solchen Werten nicht alleine steht: „Bei einer Gallup-Umfrage von 2015 waren nur die Niederländer und Japaner noch unwilliger. Die Schweiz lag mit einer Kampfbereitschaft von 39 Prozent im Mittelfeld.“ Mag sein, dass für die Niederland und Japan die Prozentzahlen heute höher lägen. Für Japan lässt sich dies vermuten, da sich unter dem Eindruck chinesischer Aufrüstung und Drohgebärden eine Mehrheit für eine Steigerung der militärischen Bereitschaft bildet. Und die Bürgerinnen und Bürger der Niederlande stehen heute unter anderen Eindrücken der Bedrohung durch Putin – bis hin zur Empörung darüber, dass er den Rebellen im Donbass die Rakete gab, mit der durch den Abschuss eines malaysischen Linienflugzeugs niederländische Landsleute in den Tod schickten.

*

Das Beispiel von Hitlers Angriff auf Grossbritannien zeigt die Fragwürdigkeit einer solchen Umfrage. Hätte man eine solche Umfrage ein paar Jahre vorher durchgeführt, hätte sie vielleicht ähnliche Ergebnisse hervorgebracht wie die jetzige in Deutschland. Die britischen Wählerinnen und Wähler wählten ein Parlament, das eine Regierung einsetzte, die alles tat, um einen Kriegsausbruch zu vermeiden. Nach dem Krieg wurde sie – wie auch die französische – in den Orkus der Appeasement-Verachtung gestürzt. Aber wie verhielt sich dieses Volk, als Hitler angriff? Es bewies eindrücklichen Widerstandswillen. Vermeintlich verwöhnte Herrensöhnchen mutierten zu todesmutigen, erfolgreichen Kampffliegern.

Hätte man Grossbritannien vor Kriegsausbruch auch als „nicht nur wehrunfähig, sondern auch wehrunwillig“ bezeichnet? Wenn ja, dann zu Unrecht.

*

Serrao führt die Einstellung vieler Deutschen zum Militärischen weitgehend treffend auf historische Gründe zurück, problematisch dann aber auf das Fehlen einer deutschen Volks-Identität: „Der einzige akzeptierte Patriotismus heisst «Verfassungspatriotismus». Über den Begriff kann man gewiss trefflich diskutieren, aber wer zieht fürs deutsche Grundgesetz in den Krieg?“

Nicht unter einer Gewaltherrschaft wie der russischen leben zu wollen, kann ein starkes Motiv für Wehrwillen werden, wenn die Gefahr eines Angriffs konkreter wird. Was wäre dies Anderes als „Verfassungspatriotismus“? Churchill rief seinen Landsleuten zu, beim Kampf gegen Hitler gehe es um die „Christian Civilization“ (Link).

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Was man von Enkelinnen lernen kann

Kenntnis und Verständnis der Zeitgeschichte sind von grösster Bedeutung für die politische Urteilsbildung und Orientierung – deshalb die PolitReflex-Rubrik „Geschichte und Gegenwart“. Es freut den Redaktor sehr, dass der Beitrag des ersten PolitReflex-Gastautors von vorbildlicher zeitgeschichtlicher Bildung handelt. Er berichtete mir kürzlich von dieser Erfahrung, und er ging auf meinen Vorschlag ein, sie schriftlich festzuhalten und zugänglich zu machen. Herzlich willkommen, Dr. Theo Wirth*, als Gastautor!

Weiterlesen »

Schweiz-EU: Szenarien für den Fall des Scheiterns neuer Verträge

Wenn es Bundesrat oder Parlament nicht wagen, die Ergebnisse der laufenden Verhandlungen mit der EU zur Volksabstimmung zu bringen, oder wenn sie in der Abstimmung abgelehnt werden, können sich sehr verschiedene Szenarien ergeben. Welches eintritt, hängt auch von der Entwicklung der EU, ihrer Mitgliedstaaten und Russlands ab.

Weiterlesen »

Rahmenabkommen: Keine Solidarität mit der Schweiz bei Konservativen und Nationalisten

Europäische Rechtsaussen-Politiker haben ähnliche Vorstellungen von Europa wie die SVP, und sie könnten sich deshalb in der Auseinandersetzung über das Rahmenabkommen für die Schweiz einsetzen. Aber wie zu erwarten war, zeigen sie keine Solidarität – im Gegenteil. Im auswärtigen Ausschuss des EU-Parlament war man sich einig, dass mit der Schweiz nicht nachverhandelt wird. Nur ein Grüner sagte unter Berufung auf ein Treffen mit Schweizer Gewerkschaftern, die Lohnschutzfrage sei nicht gelöst.

Weiterlesen »