Marcel Salathé im Tages-Anzeiger vom 22.4.2021: „Wir sind tatsächlich gerade mit der Entwicklung dieses Ratings beschäftigt und wollen noch dieses Jahr einen ersten Prototyp vorstellen. Es basiert unter anderem auf dem Abstimmungsverhalten der Politiker und ihren öffentlichen Aussagen. Die erste Version wird sicher noch nicht perfekt sein, bis zu den Wahlen 2023 soll es aber eine wertvolle Wahlhilfe für den hoffentlich grossen Teil der Bevölkerung sein, dem evidenzbasierte Entscheidungen und technologisch kompetente Umsetzungen wichtig sind.“ (Link zum Interview, hinter Paywall.)
Ein Versuch, dessen Motiv verständlich ist: Es gibt Politikerinnen und Politiker, bei denen die Geringschätzung der Wissenschaft Teil ihres Programms, ihres Profils zu sein scheint. Sie tragen diese Missachtung vor sich her, trumpfen mit „Skepsis“, „Misstrauen“, „gesundem Menschenverstand“, „Querdenken“ auf – und werden unter anderem deswegen gewählt. Es gibt eine Nachfrage für Bildung- und Forschungsfeindlichkeit.
Während Jahrzehnten stellte eine Politik, die wirtschaftsnah sein wollte, den Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften in Frage. Zu fördern, weil für unsere Zukunft entscheidend, seien die MINT-Fächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, technische Wissenschaften. Nun erleben wir angesichts eines als übermächtig empfundenen politischen Einfluss von MINT-Experten und -Expertinnen auf die Corona- und Klimapolitik eine Neigung, wieder eher auf Stimmen aus anderen Fachrichtungen hören zu wollen: Auf Fachrichtungen, die an „Orientierungswissen“ arbeiten.
Was für ein Beurteilungsgremium wird für das Rating der Wissenschaftlichkeit vorgeschlagen werden? Wie wird der Mix der Fachrichtungen sein? Werden innerhalb einer Fachrichtung auch minderheitliche Strömungen berücksichtigt? Wie wird eine Parlamentarierin, ein Parlamentarier geratet bei starkem Interesse an Forschungsergebnissen, aber einseitiger Ausrichtung auf bestimmte Fachrichtungen oder innerhalb von Fachrichtungen?