Sie befinden sich hier:

Den Nutzen der Bilateralen für die nichtexportierenden Unternehmen klären

„Die Schattierung zwischen den Dachverbänden der Arbeitgeber dürfte auch Unterschiede in der Einschätzung des EU-Vertrags spiegeln“ erwartet Wirtschaftsredaktor Hansueli Schöchli in der NZZ vom 22.3.25*. „Im Gewerbeverband ist die Skepsis grösser: Für die vielen binnenorientierten Gewerbebetriebe hat der Marktzugang in der EU direkt kaum ersichtlichen Nutzen.“

Ist es auch für Unternehmen, die selbst nicht exportieren, nachteilig, wenn sich infolge einer Ablehnung des Verhandlungsergebnisses zwischen der Schweiz und der EU der Zugang zu den Märkten und Kooperationen im EU-Raum verschlechtert? Hierüber sollte vor den Beratungen im Parlament und vor einer Volksabstimmung – sofern die Räte sie wagen – Klarheit geschaffen werden.

Weshalb kann ein Unternehmen, das selbst nicht exportiert, daran interessiert sein, dass Schweizer Waren und Dienstleistungen keine Marktanteile in Europa verlieren?

Hierzu ist zunächst zu fragen, ob Unternehmen, die zwar selbst nicht exportieren, aber – teilweise, weitgehend oder ausschliesslich – für exportierende Unternehmen arbeiten, für diesen Teil ihres Auftragsvolumens der Exportwirtschaft oder der Binnenwirtschaft zugeteilt werden. Jedenfalls steht ausser Zweifel, dass sie an diesen Aufträgen interessiert sind und diesbezüglich mit der Exportwirtschaft in einer Interessengemeinschaft stehen.

Ein weiterer Teil der nicht exportierenden Unternehmen hat zahlreiche private Kundschaft, die bei Exportunternehmen sowie bei deren Zulieferern und Auftragnehmern beschäftigt ist. Für diese binnenwirtschaftlichen Unternehmen ist wichtig, wie sich der Marktzugang der Exportwirtschaft in Europa auf die Entwicklung der Beschäftigung und der Löhne auswirkt. Hierbei handelt es sich um ein breites Branchenspektrum, vom Detailhandel über den Tourismus bis zur Bau- und Immobilienbranche, und selbst auf die Landwirtschaft kann sich ein Rückgang der Kaufkraft und der Konsumstimmung nachteilig auswirken.

Die Gegnerschaft wird in einem Abstimmungskampf einen Interessenkonflikt zwischen der „unsympathischen“ Exportwirtschaft mit ihren durch Ausländer durchsetzten Managements und den Sympathieträgern der Binnenwirtschaft, den KMU und Familienunternehmen, hochspielen. Wenn die Gewerkschaften die Vorlage bekämpfen, werden sie zusätzlich den Eindruck erwecken, eine Verschlechterung des Marktzugangs der Exportwirtschaft werde keine Nachteile für die Beschäftigungs- und Einkommensentwicklung der Lohnabhängigen haben.

Abklärung und Aufklärung tut not.

Link zum eingangs zitierten Artikel von Hansueli Schöchli.

 

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Frankreich: Geschlossene, starke Opposition gegen zerstrittene, schwache Exekutive?

Die künftige französische Exekutive wird die tiefe Bruchstelle der „Cohabitation“ haben: Zwischen dem liberalen Staatspräsidenten und der sozialistisch geführten Regierung. Zudem können sich Bruchstellen zwischen den Regierungsparteien auswirken. Das Rassemblement National wurde zwar von der Regierungsmacht ferngehalten, seine Voraussetzungen, sich für die nächsten Wahlen zu profilieren, scheinen aber günstig.

Weiterlesen »

Wettbewerb der Systeme: China wirbt mit Sieg über die Armut.

Ob der hohen, wenn nicht exklusiven Priorität, die wir unseren demokratischen und freiheitlichen Rechten und dem Rechtsstaat geben, sollten wir nicht verkennen, dass der Anspruch der chinesischen Parteidiktatur, die Armut besiegt zu haben, eine starke Waffe im weltweiten Wettbewerb der Systems ist.

Weiterlesen »

Schweden gestern – Deutschland heute

Schweden hätte in den Staatsbankrott gehen müssen. Dies erwarteten Teile der Liberalen und Konservativen im letzten Jahrhundert. Das schwedische „Volksheim“ war aus ihrer Sicht ruinös: Es entmündige das Individuum und lähme die Wirtschaft. Aber Schweden ging nicht pleite, sondern reformierte sich sorgfältig und erfolgreich. An diese Überraschung erinnern gewisse Urteile, die heute über Deutschland abgegeben werden.

Weiterlesen »