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Verhüllungsverbot – und offene Fragen: Frauenbefreiung? Beziehungen zu den MuslimInnen in der Schweiz?

Unterschiedliche Motive und unterschiedliche Kräfte haben das knappe Ja zum Verhüllungsverbot herbeigeführt. Der Entscheid stellt uns vor Fragen nach der Frauenbefreiung und nach der Entwicklung der Beziehungen zu den Musliminnen und Muslimen in der Schweiz.

Die Schweiz hat die Botschaft an die Welt abgegeben, zu der sie aufgefordert wurde – nicht nur durch das Egerkinger Komitee, sondern auch durch einen Teil der feministischen Szene, durch liberale Muslime und durch den Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung: Die Botschaft gegen die Unterdrückung der Frauen in islamischen Ländern und gegen Machtansprüche des politischen Islam. Die Botschaft europäischer Bereitschaft zum Widerstand.

„Mit dem Souverän soll man nicht hadern.“ Hadern wir also nicht, aber weisen wir auf Fragen und Aufgaben hin, die sich nun stellen.

Frauenbefreiung: Die Frage, was mit einer vollverhüllten Muslimin geschieht, nachdem sie gebüsst und nach Hause geschickt wurde, spielte im Abstimmungskampf keine grosse Rolle. Jetzt gilt das Verbot, und damit wird die Frage eben doch beachtlich. Einige mögen in einem Interview mit einer konvertierten Schweizerin, die sich verhüllt, mit einem gewissen Vergnügen gelesen haben, sie überlege sich, bei Annahme der Initiative unser Land zu verlassen. Praktisch… Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber ist das Befreiung? Die Aufgabe würde doch in der Motivation zu geistiger Befreiung bestehen. Man mag an Entradikalisierungsprogramme denken. Kann eine Sanktion ein Einstieg in einen Befreiungsprozess sein? Vielleicht. Aber ist es nicht eher unwahrscheinlich? Was können wir wirklich tun, um aufgeklärtes Denken zu fördern, zum Beispiel gegen den Glauben, das Seelenheil einer Frau hänge von ihrer Verhüllung ab?

Erfreulich wäre, wenn das Abstimmungsergebnis so verstanden werden könnte, dass eine grosse Mehrheit der Stimmberechtigten, auf der Ja- wie auf der Nein-Seite, Frauenbefreiung, Frauengleichstellung will. An Bewährungsproben für solchen Willen fehlt es nicht.

Die zweite Frage: Wie stellen wir uns die Entwicklung der Beziehungen zu den Musliminnen und Muslimen in der Schweiz vor? Sie verdient viel grössere Aufmerksamkeit. Es geht dabei nicht primär um „den Islam“ und dessen unterschiedlichen Auffassungen, sondern um die Menschen, die mit uns leben, mit uns und für uns arbeiten, und um ihre Gemeinschaften. Die meisten von ihnen wollen friedlich mit uns zusammenleben und hoffen auf eine gute Zukunft für sich und ihre Kinder in unserem Land. Respektvoller Dialog mit ihnen ist nach dieser Abstimmung noch wichtiger geworden. Er findet da und dort statt, besonders auf christlich jüdisch muslimische gemischten Plattformen. Aber er muss muss besser zur Kenntnis genommen und gestärkt werden. Wir sind nicht zum Clash der Zivilisationen verurteilt. Wenn die Spannungen zunehmen, sind wir mitverantwortlich dafür.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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