Sie befinden sich hier:

Ist die EU doch fähig, zur Stabilität Europas beizutragen?

Einigung mit dem britischen Premierminister über die Anwendung der Brexit-Regeln auf Nordirland, Vermittlung zwischen Serbien und Kosovo: Innert weniger Tage zwei Vorgänge, die Hoffnung nähren – auch wenn ihre dauerhafte Bedeutung im ersten Fall davon abhängt, dass sich der britische Premierminister in seiner Partei damit durchsetzen kann, im zweiten Fall, dass die Regierungen der beiden Parteien das Vermittlungsergebnis wirklich umsetzen.

Beide Vorgänge sind auch für die schweizerische Europapolitik beachtlich. Wer erwartete, dass die EU unter dem Einfluss zentrifugaler Kräfte und unter Druck von aussen immer schwächer werde, kann sich dessen nicht mehr so sicher sein. Vielleicht sind Zusammenhalt und Gestaltungskraft der EU doch grösser als ihre Gegner und Gegnerinnen meinten und hofften.

Die Einigung mit Premierminister Rishi Sunak ist darüber hinaus für die Schweiz von Interesse im Hinblick auf künftige Verhandlungen über die Weiterführung der bilateralen Beziehungen: London hat akzeptiert, dass der EU-Gerichtshof in Luxemburg EU-Recht und Vertragsrecht verbindlich auslegt. Die EU bestand darauf, dass sie in ihrem Wirtschaftsraum keine unterschiedlichen Anwendungen solchen Rechts akzeptiert. Das ist eine schlechte Nachricht für die Vielen in der Schweiz, die dies tabuisiert haben. Ohne Anerkennung des einheitlichen EU-Rechtsraums wird die Schweiz ihre künftigen Beziehungen zur EU nicht mehr vertraglich regeln können. Positiv ist zu werten, dass Grossbritannien durch diese Verständigung wieder Zugang zur kontinentaleuropäischen Forschungskooperation bekommt. Durch eine realistische Neuorientierung ihrer Europapolitik könnte ihn auch die Schweiz wieder erschliessen.

Beide Verständigungen wurden wohl durch den Willen gefördert, die Widerstandskraft des demokratischen Europas gegen das aggressive Regime Putins zu stärken. Dies ist auch im Interesse der Schweiz.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Individuen boykottieren? Das kann im Interesse des Diktators sein.

„Auch der Sport muss klar Stellung beziehen“: Unter diesem Titel fordert Sportredaktor Daniel Germann in der NZZ vom 2.5.22 die individuelle Boykottierung aller russischen Sportlerinnen und Sportler, nicht nur der Teams und Verbände. Kollektivstrafen seien störend, aber legitim, wenn sie dazu beitrügen, aufzurütteln: „Der Krieg fordere auch unschuldige Opfer.“ – Die Frage stellt sich auch für Kultur und Wissenschaft.

Weiterlesen »

„Die Quelle des Bösen liegt in Washington“ (Franco Cavalli, WOZ 26.9.19)

Eine Dämonisierung gibt Anlass zum Überdenken, wie sich die eigene politische Beziehung zu den USA entwickelt hat. Für mich beginnt sie damit, dass die USA Europa von Hitler befreiten, gemeinsam mit Grossbritannien, der Sowjetunion, Kanada, De Gaulles France-Libre-Truppen und Soldaten aus nichteuropäischen Völkern des British Empire. Dass es ohne die USA nicht möglich gewesen wäre, wusste niemand besser als Churchill, Stalin und De Gaulle. Aber wir können den USA längst nicht mehr unkritisch gegenüberstehen.

Weiterlesen »