Mit welchem Grund überhob man sich im 20. Jahrhundert über das 19.? Mit welchem Grund erheben wir uns über das 20.?
Die drei Jahrhunderte, um die es geht, stehen in tragischen Beziehungen zueinander. Im 19. Jahrhundert wurden Ursachen für die Tragödien des 20. gesetzt: Die ersten genuin nationalen Kriege, von der französischen Revolution über Napoleon Bonaparte bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1870, ein zwiespältiger Aufschwung des Nationalliberalismus mit üblen Kehrseiten bis hin zum Antisemitismus, eine Industrialisierung mit Proletarisierung, das Verhängnis der Inthronisation Wilhelms II. mit seiner Grossmannssucht und fatalen Inkompetenz, um nur einige Stichworte zu geben.
Das 20. Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert der Weltkriege, sondern auch des Aufbaus einer westeuropäischen Nachkriegs-Ordnung, die nicht nur zu wirtschaftlichem Aufschwung, sondern nach dem Schock von Nationalsozialismus und Stalinismus zu einer historisch einzigartigen Phase des Menschenrechtsschutzes führte. Gerade deren Niedergang, der nun da und dort einzutreten droht, zieht die Aufmerksamkeit auf diese Einzigartigkeit.
Und die Menschen des „letzten Jahrhunderts“? Wir hatten und haben ihnen nichts vorzuhalten. Es gab grossartige und verheerende Köpfe und Charaktere im 19. wie im 20. Jahrhundert. Woher nehmen wir die Zuversicht, dass sich die guten Kräfte im 21. Jahrhundert besser durchsetzen werden als im 20. und im 19.?