Sie befinden sich hier:

Den Regierungssitz stürmen – und dann?

Revolutionen gelingen nur, wenn sie durch Menschen geführt werden, die sich besser auf Machtgewinn und Machtausübung verstehen als der Machtapparat der bisher Herrschenden, und wenn die Führerinnen und Führer der Revolte die Machtmittel haben, diese zu stürzen. Eine hervorragende, historisch abgestützte Analyse von Volker Reinhardt in der NZZ vom 10.1.23.

Wutbürger, die sich in einen Ratssaal setzen, Selfies verbreiten und vandalieren, sind Vorboten des Scheiterns ihres Aufstandsversuchs.

Erstaunlich ist, dass Donald Trump keine besseren Erfolgsvoraussetzungen für den Sturm seiner Anhänger auf das Capitol sicherstellte – eigentlich eine Blamage für den Machtmenschen, der sich zuvor so oft gegen starke Kräfte durchsetzen konnte.

Als Fallbeispiel erinnert man sich an das Scheitern des Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944: Selbst die Erfahrung und die Gefechtskompetenz eines Offiziers wie Stauffenberg genügten nicht.

Aber auch Erfolge sind vorgekommen, die in der Rückschau überraschend wirken: Etwa dass es den gefürchteten Geheimdiensten nicht gelang, den Sturz des Schahs von Persien durch Khomeini und seine Anhänger zu verhindern.

An der Schwelle zum Erfolg schien 1981 in Spanien der Putschversuch der Militärpolizei gegen die demokratisch gewählte Regierung zu gelangen, spektakulär ins Parlament getragen von Oberstleutnant Antonio Tejero. Doch die Putschisten hatten sich offenbar nicht der Unterstützung des Königs vergewissert, und dieser stellte sich hinter die Demokratie. (Link)

Aber leider ergibt sich aus den dargelegten Erkenntnissen auch eine schlechte Prognose für die breite, opferbereite Opposition im Iran, und Putin könnte wohl nur durch ein Mitglied der Machtelite von Armee oder Geheimdienst gestürzt werden. Was wäre der Gewinn gewesen, wenn Hitler durch Himmler oder Göring gestürzt worden wäre?

Eine hervorragende, historisch abgestützte Analyse von Volker Reinhardt, Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü., in der NZZ vom 10.1.23 (Link) – die zudem einen Satz enthält, der über die Beschäftigung mit Revolten hinaus staatsrechtliche und politologische Beachtung verdient:

„Das Volk als Einheit gibt es nicht; kaum ein anderer Terminus verzerrt gesellschaftliche Realitäten so stark wie dieser.“

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Kalter Krieg. Jetzt wäre der Moment für vertrauensbildende Massnahmen.

Leider muss in der ersten Zeit nach dem Amtsantritt Präsident Bidens mit einer Zuspitzung von Konflikten gerechnet werden. Neue US-Präsidenten werden Härtetests ausgesetzt. Zwar wäre jetzt der Moment für vertrauensbildende Massnahmen, die auch im längerfristigen Interesse von Russland und China lägen. Westeuropa hätte Gehör dafür. Aber Wille und Fähigkeit zu Vertrauensbildung gehören leider kaum zu den Kompetenzen von Putin und Xi.

Weiterlesen »

Die Sprache des Dritten Reiches

Nach einem ZDF-Interview mit AfD-Meuthen empfiehlt Hans Hütt in der „Frankfurter Allgemeinen“ dem Interviewer, „Lingua Tertii Imperii“, Victor Klemperers Analyse der Sprache des Dritten Reiches zur Hand zu nehmen.

Weiterlesen »

Besonders glaubwürdige Warnungen vor rechtsextremem Einflussgewinn in Deutschland

PolitReflex sprach sich wiederholt dafür aus, Nachfahren des Widerstands gegen Hitler und Verantwortlichen für Stätten des Gedenkens an die Verbrechen des Nationalsozialismus Gehör zu geben und besondere Glaubwürdigkeit zu attestieren, wenn sie vor neuem Rechtsextremismus warnen (siehe Anhang). Heute sei auf eine Erklärung hingewiesen, die am 16. Juli 2026 in der „Frankfurter Allgemeinen“ unter dem Titel „Andenken heisst heute, Haltung zu zeigen“ erschien.

Weiterlesen »