Sie befinden sich hier:

Wenn man die Blockade der Europapolitik als personelles Problem betrachtet…

…und nicht, wie im PolitReflex vertreten*, als Strukturproblem: Dann kann man – und muss man wohl – mit SonntagsBlick-Redaktorin Camilla Alabor (11.9.22) feststellen: „Tritt er“ – Bundesrat Ignazio Cassis, in der Bundesratswahl 2023 – „nochmals an, riskiert er die Blockade in der Aussenpolitik zu verlängern“.

Darauf folgt aber gleich die Frage: Was wären denn die Anforderungen an eine Aussenministerin, einen Aussenminister, die oder der die Europapolitik deblockieren könnte? Welcher Partei müsste sie oder er angehören? Welchen Interessengruppen nahestehen? Aus der Gewerkschaftsbewegung kommen, um auf die Gewerkschaften Einfluss nehmen zu können?

Dass eine überragende Persönlichkeit – einnehmend, sozialkompetent, durch- und weitblickend, überzeugungsstark und über grosse natürliche Autorität verfügend – allein dank dieser Eigenschaften den Durchbruch innerhalb und ausserhalb der Regierung schafft, ist unwahrscheinlich. Hierfür werden die Interessengegensätze, innerhalb und ausserhalb, viel zu kalt und zu hart ausgetragen.

Der personelle Aspekt ist durchaus relevant. Aber Kernproblem ist und bleibt, dass die Zugehörigkeit zum Bundesrat für die Parteien und die ihnen nahe stehenden Interessengruppen unverbindlich ist. Die Freiheit zur Obstruktion, die sich daraus ergibt, könnte auch die begabteste, kompetenteste Person an der Spitze des EDA nicht ändern.

* „Regierung umbilden, um Deblockierung der Europapolitik zu beschleunigen?“ (Link)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Stellt der Schweizer Handelsgeist die Beziehungen zur EU auf eine neue, solide Basis?

Pläne B, die ausserhalb des Bundesrates vorgeschlagen werden, laufen darauf hinaus, der EU geldwerte Leistungen anzubieten, damit sie die roten Linien der Schweiz respektiert. Schon länger im Raum steht die Idee, die Kohäsionsmilliarde aufzustocken. Vor einigen Tagen kam von der SP-Spitze der Vorschlag, der EU Sozialleistungen im Sinne der Unionsbürgerrichtlinie anzubieten. Die neuste Idee stammt vom Präsidenten der Grünen, Balthasar Glättli („Schweiz am Wochenende“ 1.5.21)*: Die Schweiz führt einen Mindestsatz für Unternehmenssteuern ein, wenn die EU den Schweizer Lohnschutz respektiert – weniger Steuerdumping, kein Lohndumping.

Weiterlesen »

Im Dilemma zwischen Richtungswahl und Persönlichkeitswahl.

Sehr fraglich, ob Emmanuel Macron Staatspräsident geworden wäre, wenn sich der gaullistische Spitzenkandidat François Fillon nicht während des Wahlkampfs charakterlich als unwählbar erwiesen hätte. Und wird nun in Deutschland eine grüne Richtungswahl verunmöglicht, weil immer mehr Wählerinnen und Wähler der Spitzenkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, infolge ihrer schweren Fehler nicht zutrauen, Kanzlerin oder auch „nur“ Vizekanzlerin zu werden?

Weiterlesen »

Rahmenabkommen: Keine Solidarität mit der Schweiz bei Konservativen und Nationalisten

Europäische Rechtsaussen-Politiker haben ähnliche Vorstellungen von Europa wie die SVP, und sie könnten sich deshalb in der Auseinandersetzung über das Rahmenabkommen für die Schweiz einsetzen. Aber wie zu erwarten war, zeigen sie keine Solidarität – im Gegenteil. Im auswärtigen Ausschuss des EU-Parlament war man sich einig, dass mit der Schweiz nicht nachverhandelt wird. Nur ein Grüner sagte unter Berufung auf ein Treffen mit Schweizer Gewerkschaftern, die Lohnschutzfrage sei nicht gelöst.

Weiterlesen »