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Wir müssen uns stärker mit Bevölkerungsschutz, Landesversorgung, Krisen- und Kriegsmedizin befassen

Es besteht ein Missverhältnis zwischen der intensiven politischen und medialen Beschäftigung mit der militärischen Aufrüstung der Schweiz und dem relativen Desinteresse an Bevölkerungsschutz, Landesversorgung, Krisen- und Kriegsmedizin. Wo sind die Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten, die dem Stand und den Bedürfnissen der nichtmilitärischen Vorbereitung der Schweiz auf Kriegseskalation nachgehen und nötigenfalls Forderungen stellen?

Lange bevor russische Truppen nach Durchmarsch durch Ungarn und Österreich zum Angriff auf (das laut NZZ militärisch nahezu verteidigungsunfähige) Deutschland ansetzen würden und damit auch an der Schweizer Grenze stünden, kann die Schweiz auf wirksamen, verlässlichen Bevölkerungsschutz, wohlvorbereitete Landesversorgung, leistungsfähige Krisen- und Kriegsmedizin angewiesen sein. Eskaliert der Krieg zunächst auf Polen und das Baltikum, kann es zum Einsatz taktischer, nach weiterer Eskalation auch strategischer Atomwaffen kommen. Der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl belehrte uns, dass wir uns nicht darauf verlassen können, bei uns herrsche ja Westwindwetter vor, und deshalb würde nach einem Atomwaffeneinsatz die radioaktive Strahlung nach Osten verfrachtet.

Es gibt durchaus Szenarien, in denen die Schweiz eine zeitgemässe Luftwaffe brauchen könnte. Aber es ist unwahrscheinlich, dass die Schweiz in diesem Fall allein angegriffen würde. Die russische Armee, am Bodensee und im Rheintal angelangt, kann entscheiden, NATO-Stellungen in Deutschland durch die Schweiz zu umgehen. Aber dann ist die schweizerische Armee und Luftwaffe auf Unterstützung durch die NATO angewiesen, und die NATO wird sie der Schweiz in eigenem Interesse leisten müssen. Schon General Guisan und der Bundesrat während des Zweiten Weltkriegs waren sich der Angewiesenheit auf ausländische Unterstützung gegen einen Angriff einer Grossmacht bewusst. Deshalb beschlossen sie nach der Kapitulation Frankreichs den Rückzug der Armee ins Alpen-Réduit.

Aber ein baldiger Eintritt von Lagen ist viel wahrscheinlicher, in denen die Schweiz auf einen eigenständigen Bevölkerungsschutz, eine eigenständige Landesversorgung, eigenständige Krisen- und Kriegsmedizin angewiesen ist. Ein Kriegsausbruch im Fernen Osten kann zum Zusammenbruch der Weltwirtschaft und zum langfristigen Abbruch von Lieferketten führen. Schwer vorhersehbar sind die Folgen, wenn eine Mittelmacht wie die Türkei eine Gunst der Stunde zu erkennen glaubt, um griechische Inseln zu besetzen, oder wenn Iran sein Ziel, über Atombomben zu verfügen, erreicht und Israel und/oder die USA mit einem Militärschlag darauf reagieren. Würde Russland, würde China dem Iran militärisch beistehen?

Wo sind die Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten, die dem Stand und den Bedürfnissen der nichtmilitärischen Vorbereitung der Schweiz auf Kriegseskalation nachgehen und nötigenfalls Forderungen stellen?

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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