Sie befinden sich hier:

Individuen boykottieren? Das kann im Interesse des Diktators sein.

„Auch der Sport muss klar Stellung beziehen“: Unter diesem Titel fordert Sportredaktor Daniel Germann in der NZZ vom 2.5.22 die individuelle Boykottierung aller russischen Sportlerinnen und Sportler, nicht nur der Teams und Verbände. Kollektivstrafen seien störend, aber legitim, wenn sie dazu beitrügen, aufzurütteln: „Der Krieg fordere auch unschuldige Opfer.“ – Die Frage stellt sich auch für Kultur und Wissenschaft.

Putin schottet sein Volk von Informationen und Gedanken aus dem demokratischen und freiheitlichen Ausland ab und setzt es einer immer krasseren Hass- und Lügenpropaganda aus. Deshalb wäre eigentlich jede Aussenbeziehung, die für Russinnen und Russen noch besteht, wert, erhalten und gepflegt zu werden. Erinnern wir uns, was Dissidente aus dem ehemaligen Ostblock nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sagten: Wir waren sehr froh um jeden Kontakt, den wir zum Westen hatten.

Nun mag diese Überlegung beim Sport unrealistisch sein. Es ist leider anzunehmen, dass auch die individuellen Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, wenn sie im Ausland antreten, unter totaler Kontrolle der staatlichen Trainer und Aufpasser stehen. Freier Gedankenaustausch mag deshalb unmöglich sein, auch für solche, die eine westliche Fremdsprache beherrschen.

Anders sind Kontakte mit Kulturschaffenden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu beurteilen – nämlich individuell. Solange jemand fähig und gewillt ist zum Gedankenaustausch, sollte dieser unbedingt weitergeführt werden, und sollten solche Menschen auch nicht boykottiert werden. Es ist richtig, dass die ersten Reflexe gegen das russische Kulturschaffen vermehrt einem differenzierenden Verhalten Raum geben.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Bilaterale III und direkte Demokratie

Referenden gegen Rechtsübernahme wären möglich, sinnvoll und würden zweifellos auch ergriffen. Die Stimmberechtigten müssten dann wählen zwischen den Folgen des konkreten Rechts, um dessen Übernahme es geht, und den Folgen der begrenzten Gegenmassnahmen der EU. Eine zumutbare Entscheidung. Widerspruch gegen Äusserungen von alt Bundesrätin Calmy-Rey und „SonntagsZeitung“-Chefredaktor Rutishauser.

Weiterlesen »

Musk und der Antiamerikanismus der AfD

Ausgerechnet Elon Musks AfD-Propaganda veranlasst Marc Felix Serrao, Chefredaktor der Deutschland-Redaktion der NZZ, von der Verharmlosung der AfD abzukommen: Am 4.1.25 hält er Musk den Antiamerikanismus der AfD vor Augen.

Weiterlesen »

Werden geflohene Afghaninnen je zurückkehren können?

Zum Streit um den Familiennachzug geflohener Afghaninnen: Wer wagt eine Prognose, wann sie in ihre Heimat zurückkehren können? Und somit: Wie lange will man ihnen zumuten, ohne ihre engsten Angehörigen leben zu müssen? Nichts, aber auch wirklich gar rein nichts lässt einen Machtverlust der Taliban und damit eine Wiederherstellung der Frauenrechte in Afghanistan erhoffen oder gar vorhersehen.

Weiterlesen »