Sie befinden sich hier:

Zwingt die „Appeasement“-Erfahrung den Westen, jetzt auf Kriegskurs zu gehen?

Die Wahrscheinlichkeit eines Kriegs des Westens gegen China und Russland steigt. Zwingt die Erfahrung des Scheiterns der „Appeasement“-Politik gegen Hitler zum Verzicht auf eine Friedenspolitik des Interessenausgleichs? Bevor dieser Schluss gezogen wird, sind genaue Überlegungen nötig, weshalb „Appeasement“ scheiterte und Hitler den Krieg mit eklatanten Erfolgen beginnen konnte.

Die Premierminister Grossbritanniens und Frankreichs, Neville Chamberlain und Edouard Daladier, gingen als verachtenswerte Versager in die Geschichte ein. Den Massstab setzten im Westen Winston Churchill und Charles de Gaulle. Das ist noch immer begründet.

Aber was war falsch an der „Appeasement“-Politik?

War das Bestreben falsch, nach den Leiden des Ersten Weltkriegs einen neuen Kriegsausbruch zu verhindern? Oder lag das Versagen darin, Hitlers Aufrüstung und seine zunehmend aggressive Politik über viele Jahre taten- und strategielos hingenommen zu haben? Lag es in den Illusionen, die man sich bei der Münchner Konferenz 1938 und nach Abschluss des „Münchner Abkommens“ (Link) machte – die Illusionen, die Chamberlain in die Worte fasste, er bringe „Peace for our Time“?

Wer heute mit dem historischen „Appeasement“-Argument dafür eintritt, einem Grosskrieg, der das Potenzial zum Atom- und Weltkrieg hat, als unvermeidlich entgegenzugehen, sollte diese Verantwortung jedenfalls nicht ohne sorgfältige Analyse der Entwicklung vor dem Zweiten Weltkrieg und der Vergleichbarkeit der Situationen übernehmen.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Ernst Wiechert zum Gedenken: Ein Anlass in Stäfa, seinem letzten Wohnort

Ernst Wiechert, deutscher Schriftsteller der inneren Emigration, verbrachte seine letzten Lebensjahre in Uerikon (Gemeinde Stäfa) am Zürichsee, umgeben von einem Schweizer Freundeskreis. Anlässlich seines 75. Todestages lädt die Lesegesellschaft Stäfa zu einem Anlass am Samstagnachmittag, 30. August, in der reformierten Kirche Stäfa ein.

Weiterlesen »

Das Problem des schwachen Neutralen

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Augenöffner eine analytische, kritische Geschichtsvermittlung bereithält, wenn es gilt, eine aktuelle politische und militärische Lage zu beurteilen und die eigenen Interessen zu wahren. Nicht nur die Zeitgeschichte, sondern auch die Geschichte der Antike: Man denke etwa an den Niedergang der römischen Republik, Julius Cäsars Machtergreifung und dann an den Niedergang des Imperium Romanum. – Der folgende Bericht des PolitReflex-Gastautors Theo Wirth* von der tragisch gescheiterten Neutralitätspolitik eines griechischen Kleinstaats im fünften Jahrhundert vor Christus mündet in die Aufforderung: „Die Schweiz als neutraler Kleinstaat muss den Zusammenhang zwischen militärischer Schwäche/Stärke und Neutralität endlich ernst nehmen.“

Weiterlesen »

Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis warnen vor Rechtsextremisten, insbesondere vor der AfD

Eine besonders glaubwürdige Intervention gegen den neuen Rechtsextremismus in Deutschland und gegen dessen Verharmlosung: Mehr als 280 Nachfahren von WiderstandskämpferInnen gegen die Nazis, so von Dietrich Bonhoeffer, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Carl Friedrich Goerdeler sowie von Freya und Helmuth James von Moltke, haben einen Appel unter dem Titel „Aus der Geschichte lernen, die Demokratie stärken!“ unterzeichnet.

Weiterlesen »