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„Die Wiedererfindung der Nation“

Der Politikwissenschafter Herfried Münkler stellt in der „Frankfurter Allgemeinen“ das neue Buch von Aleida Assmann* vor: „Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen.“

Auszüge aus Herfried Münklers Rezension unter dem Titel „Die schwache Identität ist die richtige“, erschienen in der FAZ vom 6. Januar 2021:

„(…) Aleida Assmann, die sich seit Jahr­zehn­ten mit dem Konzept eines kollek­ti­ven Gedächt­nis­ses beschäf­tigt hat und inso­fern eine Exper­tin für natio­na­le Iden­ti­tät ist, lässt sich damit auf Fragen ein, die bei der links­li­be­ra­len Mitte seit langem auf der poli­ti­schen Tages­ord­nung stehen, um deren Beant­wor­tung die meis­ten sich jedoch herum­ge­drückt haben. Für einige ist das Thema pein­lich, für andere ewig gest­rig, für die meis­ten ist es durch Natio­na­lis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus konta­mi­niert – aber soll man es deswe­gen, so Assmanns Einwand, den Rechts­po­pu­lis­ten über­las­sen? Oder weiter­hin darauf setzen, dass die Nation in „Europa“ aufge­hen werde? (…)

Sie optiert dabei für eine Nation, die sich auch durch Zuwan­de­rung repro­du­ziert, also nicht auf ethni­sche Homo­ge­ni­tät begrün­det ist, die sich aber nicht in eine Addi­ti­on neben­ein­an­der­ste­hen­der und in sich geschlos­se­ner Minder­hei­ten auflö­sen lässt. Sie soll viel­mehr auf einer kultu­rel­len Iden­ti­tät beru­hen, die nicht der Ab- und Ausgren­zung dient, sondern die Grund­la­ge und Voraus­set­zung des Aufein­an­der-Zuge­hens bildet. Und zugleich soll es eine Nation sein, die sich der Schuld und Verant­wor­tung, die sie in der Vergan­gen­heit auf sich genom­men hat, bewusst ist, die also nicht trium­pha­lis­tisch daher­kommt, aber doch aus der Beschäf­ti­gung mit ihrer Geschich­te das erfor­der­li­che Selbst­be­wusst­sein bezieht, das erfor­der­lich ist, wenn man Neuan­kömm­lin­ge inte­grie­ren und ihnen zu guten Lebens­chan­cen verhel­fen will. Kurzum: Assmann plädiert für eine Vorstel­lung von Nation, die nichts gemein hat mit den Exklu­si­ons­vor­stel­lun­gen ethni­scher Homo­ge­ni­tät, wie sie von den Rechts­po­pu­lis­ten vertre­ten werden, aber auch auf Distanz bleibt zu den Konzep­tio­nen einer post­mi­gran­ti­schen Gesell­schaft, die zuletzt als Modell sozia­ler Kohä­si­on ohne natio­nal-kultu­rel­les Zentrum lanciert worden ist. Und sie kann sich auch nicht anfreun­den mit der Vorstel­lung einer allein durch „Verfas­sungs­pa­trio­tis­mus“ zusam­men­ge­hal­te­nen Gesell­schaft. (…)

Bei den Deut­schen indes, so Assmanns nach viel Kritik doch noch zuver­sicht­li­cher Ausblick, könnte es sein, dass das, was zumeist als Schwä­che ange­se­hen wird, sich zu guter Letzt als Stärke erweist: dass sie sich ihrer Iden­ti­tät nie wirk­lich sicher waren, sich immer wieder neu auf die Suche mach­ten und deswe­gen heute die Türen zu einer moder­nen Vorstel­lung von Nation weiter geöff­net haben als die meis­ten ande­ren. Das ist seit dem anschwel­len­den Bocks­ge­sang des Rechts­po­pu­lis­mus eine im doppel­ten Sinn mutige Perspek­ti­ve: Sie verzich­tet nicht auf die Idee der Nation und verhed­dert sich doch nicht in den Stri­cken der Vergan­gen­heit.“*

* Link zur Webseite Aleida Assmann der Universität Konstanz.

Link zu Zusammenfassungen dreier kritischer Rezensionen bei „Perlentaucher“.

Link zur Buchpräsentation durch den C.H. Beck Verlag.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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