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Die Masken-Erfahrung: Wenn alle müssen, unterzieht man sich

Die Erfahrung der Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr ist noch eindrücklicher ausgefallen, als zu erwarten war: Die Anordnung wird offenbar bisher so gut wie widerstandlos befolgt. Weshalb brauchte es das Obligatorium? Kann man künftig noch auf Eigenverantwortung setzen, wenn es drauf ankommt? Was bedeutet diese Erfahrung für andere Politikbereiche, etwa die Klimapolitik?

Müssen wir, wenn es drauf ankommt, das Prinzip Eigenverantwortung vergessen und direkt zu Verboten und Geboten greifen?

Eine Einschränkung an der Schlüssigkeit der Erfahrung mit der Maske ist anzubringen: Die Appelle zum eigenverantwortlichen Tragen der Maske erfolgten unter der ungünstigen Voraussetzung, dass das Bundesamt für Gesundheit zu Beginn der Corona-Pandemie den Nutzen – je nach Wahrnehmung – bestritten, bezweifelt oder relativiert hatte, und dies mit den zuständigen Mitgliedern des Bundesrates im Rücken – das Gegenteil einer Motivationskampagne für Eigenverantwortung.

Begründet ist wohl der Schluss, dass Appelle zu eigenverantwortlichem Handeln allenfalls dann eine Chance haben, Wirkung zu erzielen, wenn sie durch eine überzeugende, unzweideutige Begründung und Motivation vorbereitet und begleitet werden.

Der andere Teil der Masken-Erfahrung: Wir gehorchen den Behörden, selbst wenn ein Teil von uns die Anordnung nicht für berechtigt hält. Das hat wohl vor allem drei Gründe.

Erstens: Man will keine Scherereien. Im Fall der Maske im öffentlichen Verkehr will man in Ruhe ans Ziel der Fahrt gelangen, ohne Auseinandersetzung mit einem Zugbegleiter oder Bahnpolizisten.

Zweitens: Man hat den Eindruck, dass die Behörden mit der Verhängung des Obligatoriums erst richtig den Ernst ihrer Beurteilung bekundet haben, dass es nötig ist, im öffentlichen Verkehr die Maske zu tragen.

Drittens: Jetzt müssen alle. Man wollte sich nicht allein einschränken, oder als Teil einer Minderheit. Aber wenn alle müssen – o.k., dann mach‘ ich mit, und dann bringt es vielleicht auch den angestrebten Erfolg.

Diese Erfahrung sind jetzt anzuwenden auf andere wichtige Aufgaben von Gesellschaft und Staat.

Greifen wir die Erreichung der Klimaziele heraus. Appelle, weniger zu fliegen, weniger Auto zu fahren, weniger Fleisch zu essen, werden wohl ähnlich wenig bewirken wie die Appelle zum freiwilligen Tragen der Maske. Gebote und Verbote hingegen würden befolgt, wenn sie gut begründet und durch eine Motivationskampagne flankiert wären.

Man kann es auch mit finanziellen Negativ-Anreizen versuchen. Aber man muss sich bewusst sein, damit die finanzschwächeren Teile der Bevölkerung stärker einzuschränken als die finanzkräftigeren. Das mag insofern zielkonform sein, als dies die grösseren Teile der Bevölkerung sind, und somit eine grössere ökologische Wirkung zu erwarten ist. Aber damit würden sozialer Unfriede und politischer Widerstand geschürt. Die stärker Eingeschränkten wären in der Mehrheit, und als solche in der Demokratie mobilisierbar. Die SVP hat dies erkannt und agitiert damit bereits bei den sozial schwächeren Bevölkerungskreisen gegen das CO2-Gesetz.

Ökologischer Liberalismus muss diese Erfahrungen verarbeiten, in Konzept und Politik umsetzen. Gesellschaft und Staat drohen autoritärer zu werden. Es geht darum, möglichst viel individuelle Freiheit zu bewahren. Einfach ist das nicht.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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