Es ist zu begrüssen und verdient grösste Beachtung, wenn jetzt viele Redaktionen an die Kapitulation Hitlerdeutschlands am 7. Mai 1945 erinnern. Allerdings tobte der Krieg in Asien noch vier Monate weiter. Am 6. August warf ein Bomber der USA eine Atombombe auf Hiroshima ab, am 9. August auf Nagasaki. Japan kapitulierte am 2. September.
Die Frage nach den Konsequenzen der Erfahrungen der beiden Weltkriegen für die Vermeidung einer weiteren kriegerischen Weltkatastrophe ist immer wieder neu zu stellen, im Bestreben nach einer möglichst umfassenden Sicht der relevanten Aspekte.
Ebenso wichtig und wohl auch ergiebig sind die Gründe, weshalb wir seit 1945 davor verschont blieben, trotz kalten Kriegs und regionaler Schiesskriege, von denen einige, vielleicht irgendwie die meisten, Stellvertreterkriege unter den Supermächten waren.
Von grosser Bedeutung scheint mir, dass die Atommächte seit 1945 zwar oft skrupellos und aggressiv, aber nicht irrational geführt wurden. Es trat kein Hitler mehr auf, und keine Macht, die wie Japan die erstaunlichen Kräfte, die sie aufgebaut hatte, überschätzte. In dieser Hinsicht bereitet die Persönlichkeit des gegenwärtigen US-Präsidenten allerdings grösste Sorgen.
Solange die Mächte, die einen Weltkrieg auslösen könnten, rational und interessenorientiert gesteuert sind, besteht Hoffnung für die Menschheit. Ein wichtiger Ansatz für Friedenspolitik besteht darin, sie an Nichtkrieg interessiert zu halten. Dabei mag man an die Debatten über die neue Seidenstrasse und über die Gaspipeline von Russland nach Deutschland denken.
Weshalb erachte ich glaubwürdige militärische Bereitschaft weiterhin als unverzichtbaren Teil europäischer Politik? Wenn wir annehmen, dass Russland rational geführt ist, braucht ein Putin das Argument, ein Versuch, das Baltikum wieder einzuverleiben oder gar das Dominium des Warschauer Pakts in Ostmitteleuropa wiederherzustellen, sei militärisch zu riskant, und die Folgen, selbst wenn ein Krieg regional bliebe, könnten die russische Wirtschaft in einen Abgrund reissen. Mit Blick auf China muss das Ziel verfolgt werden, dass die Führung der Kommunistischen Partei auch nach der Einrichtung weit vorgelagerter, völkerrechtswidriger Militärbasen im Südchinesischen Meer ein Verzicht auf militärische Versuche, Nachbarländer zu Protektoraten zu machen, für die Entwicklung Chinas als vorteilhaft erachtet.
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Siehe auch: „Wie werden sich die Beziehungen Europas und der Schweiz zu China entwickeln?“ (Link)