Sie befinden sich hier:

Corona-Populismus – durchschlagend oder durchsichtig?

Mit gütiger Tamedia-Hilfe lanciert die SVP ihre Forderung: „SVP will Mitte April Läden wieder öffnen“, prangt auf der Frontseite der „SonntagsZeitung“. Dieser Tageshit hat drei Autoren, darunter Arthur Rutishauser, Chef aller Tamedia-Redaktionen.

Aus der Trickkiste der Populisten: Man fordere etwas, das sicher nicht erfüllt wird. Man punkte damit beim eigenen harten Kern und weiteren Kreisen. In einem zweiten Schritt punkte man dann mit Protest gegen die Nichterfüllung. Und besonders schlau: Man weiss, es wird einem nie nachgewiesen werden, dass die Forderung falsch war. Denn da sie nicht erfüllt wurde, bleibt die Diskussion, wie sie sich ausgewirkt hätte, theoretisch und hypothetisch.

Die SVP kann mit diesem Auftritt wohl nicht nur bei ihrem harten Kern punkten. Denn tatsächlich trifft die Schliessung der Läden viele Menschen unterschiedlicher politischer Anschauungen schwer. Und sie hoffen auf das schwedische Modell und auf die Kritik von Ökonomen und wohl auch einer Minderheit aus der Medizin. Viele von ihnen werden ihr Geschäft aufgeben, vielleicht in Konkurs gehen, und viele werden arbeitslos.

Diese Menschen verdienen eine respektvolle Auseinandersetzung mit ihrer Lage, und grundsätzlich ist das Anliegen, möglichst rasch den Ausnahmezustand abzubauen, berechtigt, aber nur aufgrund der Erarbeitung eines möglichst breiten fachlichen Konsenses umsetzbar.

Trotzdem: Dieser Corona-Populismus wird sich als durchSICHTIG, nicht als durchSCHLAGEND erweisen. Dazu kann auch die Corona-Session der eidgenössischen Räte beitragen, wenn sie die getroffenen Massnahmen und die eingeschlagene Strategie auf eine stärkere politische Basis stellt.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Alzheimer bald heilbar? Das Aducanumab-Dilemma.

Krass hat das Dilemma den Tages-Anzeiger erfasst. In der Ausgabe vom 28.6.21 bezeichnet er das durch Forschende in Zürich entwickelte Medikament Aducanumab auf der Frontseite als „teuer und wirkungslos“. Was ihn jedoch nicht davon abhält, im Innern des Blattes zwei Versuchsteilnehmer zu befragen, die Hoffnungen in Aducanumab setzen. Und die Wirtschaftsredaktion der NZZ ist für einmal froh um die Rolle des schweizerischen Staates.

Weiterlesen »

Demenz – und plötzlich ohne Stimme?

Am Welt-Alzheimer-Tag, dem 21. September, wird über Diagnose, Behandlung und Versorgung gesprochen. Weniger Beachtung findet eine grundlegendere Frage: Wann verliert ein Mensch mit Demenz das Recht, politisch mitzuentscheiden?
Ein Gastbeitrag von Dr. phil. Stefanie Becker*, Gerontologin und Psychologin.

Weiterlesen »

Die Schweiz auf dem Höhepunkt der Corona-Bewährungsprobe

Der Bundesrat hat am 28. Oktober 2020 eine bemerkenswerte Konsequenz gezogen: Nur noch vier Staaten, plus drei Regionen Frankreichs, stehen auf der Quarantäneliste, weil das Corona-Risiko in der Schweiz höher ist als fast überall auf der Welt. Gleichentags haben Deutschland und Frankreich viel härtere Massnahmen gegen die Ausbreitung des Virus getroffen als die Schweiz, obwohl sie pro Kopf viel weniger Ansteckungen aufweisen als diese.

Weiterlesen »