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Der gefährliche Westen: Was uns Europäer künftig mehr bedrohen könnte als Moskau

Die geopolitische und innenpolitische Lage der Vereinigten Staaten steht vor einem möglichen Wendepunkt. Mit dem hypothetischen Ende der Präsidentschaft Donald Trumps in den kommenden Jahren stellt sich die Frage, ob seine politische Bewegung – die «Make America Great Again»-Bewegung (MAGA) – als eigenständige Kraft fortbestehen und die amerikanische Demokratie in eine populistisch geprägte Richtung lenken kann. – Gastbeitrag von Dr. Ruedi Jeker*.

Aus europäischer Sicht ist diese Entwicklung von entscheidender Bedeutung: Während Russland trotz seines Krieges in der Ukraine langfristig an geopolitischer und wirtschaftlicher Kraft verlieren dürfte, bleibt die USA als globaler Akteur ökonomisch, kulturell und sicherheitspolitisch ungleich einflussreicher. Die These dieses Essays lautet, dass eine populistisch-autoritäre Ausrichtung der USA für Europa und die Demokratie westlichen Zuschnitts längerfristig systemisch gefährlicher sein kann als ein militärisch aggressives, aber strukturell geschwächtes Russland.

Die „Post-Trump“-Realität – innenpolitische Dynamik

Die MAGA.Bewegung ist bereits auf dem Weg sich zu institutionalisieren. Mit Initiativen wie «Project 2025» liegt ein detailliertes Regierungs- und Personalhandbuch vor, das eine gezielte Besetzung von Schlüsselpositionen in der Verwaltung vorsieht und zum Teil schon begonnen hat. Begleitorganisationen wie die American Accountability Foundation wirken als Kontroll- und Druckinstrumente gegen politische Gegner. Diese Strukturen machen die Bewegung weniger abhängig von Donald Trump als Person.

Das politische Fundament bleibt stark: das Mittelland («Heartland») der USA mit einem hohen Anteil an weissen Wählern ohne Hochschulabschluss, die sich kulturell und wirtschaftlich von der urbanen Küstenelite abgekoppelt fühlen. Diese Regionen prägen seit Jahren die republikanische Basis und sind überdurchschnittlich empfänglich für populistische Narrative. Die anhaltend hohe Polarisierung – verstärkt durch Medienfragmentierung und Social-Media-Echo-Kammern – wird die Dynamik auch ohne Trump als Präsident weitertragen.

Risiken für die US-Demokratie

Die Fortsetzung einer populistisch geprägten Politik in den USA birgt erhebliche Risiken für die institutionelle Stabilität. Zu diesen gehören:
• Normenabbau, insbesondere durch politisch motivierte Besetzungen der Justiz und Bundesbehörden.
• Föderale Einschränkungen von Bürgerrechten, etwa im Wahlrecht oder in der Bildungspolitik.
• Schwächung der Checks & Balances durch parteipolitische Loyalität statt institutionelle Integrität.
• Export dieser politischen Logik nach Europa über Medien, Thinktanks und transnationale Netzwerke rechtspopulistischer Parteien.

Auswirkungen auf Europa – Wirtschaft, Sicherheit, Politik

Die USA sind der wichtigste nicht-europäische Handelspartner der EU und eine zentrale Sicherheitsmacht im Rahmen der NATO. Eine populistisch-autoritäre US-Politik könnte für Europa folgende Konsequenzen haben:
• Handelsrisiken durch protektionistische Massnahmen und Neuverhandlungen bestehender Abkommen, irrationale Zölle.
• Schwächung multilateraler Institutionen wie WTO, UN und Klimarahmenwerke.
• Sicherheitslücken durch mögliche Reduktion oder Konditionierung der US-Verteidigungsbereitschaft.
• Indirekte politische Destabilisierung durch die Stärkung rechtspopulistischer Kräfte in Europa, inspiriert von US-Vorbildern.

Vergleich zur russischen Gefahr

Russland stellt zweifellos, zusätzlich zum Krieg in der Ukraine, eine potenzielle militärische Bedrohung für angrenzende Staaten dar. Langfristig jedoch ist Russland durch demografischen Rückgang, wirtschaftliche Abhängigkeit von Rohstoffen und internationale Isolation geschwächt. Selbst ein militärischer Teilerfolg in der Ukraine würde diese strukturellen Defizite nicht beseitigen.

Im Gegensatz dazu verfügen die USA über die wirtschaftliche, kulturelle und militärische Kapazität, ihre politischen und gesellschaftlichen Modelle weltweit auszustrahlen. Eine populistisch-autoritäre Ausrichtung Washingtons hätte daher systemische Effekte: Sie könnte internationale Normen untergraben, autoritäre Politikstile legitimieren und demokratische Institutionen in befreundeten Staaten schwächen.

Strategische Konsequenzen für Europa

Angesichts dieser Risiken muss Europa seine strategische Eigenständigkeit rasch ausbauen. Dazu gehören:
• Vertiefung der europäischen Verteidigungszusammenarbeit und Aufbau einer eigenständigen Sicherheitsarchitektur.
• Stärkung der wirtschaftlichen Resilienz durch Diversifizierung von Handelspartnern.
• Investitionen in Medienpluralität und Regulierung digitaler Desinformation.
• Intensivierung transatlantischer Kontakte auf Ebene von Bundesstaaten, Städten und Zivilgesellschaft, um den Dialog unabhängig von der US-Bundesregierung zu sichern.

Schlussfolgerung

Russland mag kurzfristig militärisch «störfähig» sein, aber seine strukturellen Schwächen begrenzen heute und künftig seine globale Wirkungsmacht. Die USA hingegen bleiben – unabhängig von der Person des Präsidenten – ein zentraler Machtfaktor. Sollte sich dort eine populistisch-autoritäre Politik verfestigen, wäre dies für die Demokratie westlichen Zuschnitts systemisch gefährlicher als das heutige Russland. Für Europa bedeutet das, sich auf ein Szenario einzustellen, in dem die USA nicht mehr als stabiler demokratischer Partner agieren, sondern als unberechenbarer Akteur, dessen innenpolitische Dynamiken internationale Auswirkungen haben.

*  Ruedi Jeker war 1999 bis 2007 Regierungsrat des Kantons Zürich, als Vertreter der FDP gewählt. Bis 2003 hatte er das Amt des Volkswirtschaftsdirektor, danach dasjenige des Sicherheitsdirektors inne. Von 2004 bis 2005 war Jeker Regierungspräsident. Aufgewachsen im Kanton Solothurn schloss Jeker an der ETH Zürich ein Studium als Kulturingenieur ab, das er mit einer Doktorarbeit über die regionale Wirtschaftsförderung ergänzte. Im Militär liess sich Jeker zum Kampfjet- und Helikopterpiloten ausbilden. Die militärische Laufbahn schloss er als Oberst und Kommandant eines Fliegerregiments in der Schweizer Luftwaffe ab.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

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