Sie befinden sich hier:

NZZ: Das „Feuilleton“ als Zeitung in der Zeitung

Das Ressort „International“ der NZZ berichtet kompetent über China. Weshalb erscheint dann im „Feuilleton“ am 26.9.24 ein Artikel „Argwohn zweier Atommächte“, über die Beziehungen zwischen China und Nordkorea – ganz ohne den Kulturbezug, der ein „Feuilleton“ eigentlich kennzeichnet?

Dass Feuilletonchef Benedict Neff seine Seiten grosszügig für politische und weltanschauliche Abhandlungen weit rechts stehender Autoren und Autorinnen zur Verfügung stellt – daran mussten wir uns gewöhnen. Neff ist der „starke Mann“ des rechten Redaktionsflügels, mit Ex-Weltwoche-Redaktor Lucien Scherrer an seiner Seite, und somit politischer Partner der „starken Frau“ des Inlandressorts, Katharina Fontana. So wie Fontana jedes politisch ergiebige Thema an sich ziehen kann, so kennt Neff für sein „Feuilleton“ keine Ressortgrenzen. Und so arbeiten die Beiden kräftig am Profil der NZZ, unterstützt durch die Redaktion in Berlin, die unablässig die AfD verharmlost und dafür eintritt, dass sie Regierungsmacht erlangt.

Verfasser des Artikels über die Entwicklung der Beziehungen zwischen China und Nordkorea ist ein Matthias Messmer. Er wird nicht vorgestellt. Ein Blick ins Impressum zeigt, dass er weder Redaktor noch Korrespondent der NZZ ist. Mit einer Google-Recherche stösst man auf eine Seite des „Schweizer Monat“, auf der er als Autor vorgestellt wird (Link). Das passt. Denn zwischen „Schweizer Monat“ und rechtem Redaktionsflügel der NZZ besteht längst eine enge Beziehung. Neffs Vorgänger als „Feuilleton“-Chef, René Scheu, war zuvor Herausgeber und Chefredaktor des „Schweizer Monat“. Jetzt ist Scheu einer der drei Verwaltungsräte des „Schweizer Monat“ und Geschäftsführer eines wirtschaftslibertären Think Tanks: des privatfinanzierten Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern. Eng mit dem „Schweizer Monat“ verbunden ist auch Konrad Hummler, 2011-2013 Verwaltungsratspräsident der NZZ.

Der wachsende Einfluss des rechten Redaktionsflügels und die Ausrichtung der Berliner Redaktion führen dazu, dass sich Leserinnen und Leser von den NZZ abwenden. Der Verfasser dieses Textes gehört nicht dazu, weil er die publizistische Arbeit anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der NZZ weiterhin schätzt. Die Zugewinne an Leserschaft mögen die Abgänge übertreffen, vor allem in Deutschland, wo das Potenzial zahlreich ist zwischen Union und FDP einerseits, AfD und Werteunion anderseits.

Dass das NZZ-Feuilleton nun Zeitung in der Zeitung zu sein hat, ist auch deshalb bedauerlich, weil die hierzu verwendete Kapazität an Arbeitskraft und Seitenraum zu Lasten der kritischen Begleitung des schweizerischen Kulturschaffens geht, was die Krise des Schweizer Kulturjournalismus vertieft.

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Ein Kommentar

  1. Danke für diese wichtigen Infos.
    Leider ist der Rechtsdrall an der Falkenstrasse seit langem beobachtbar. Und ja, das Ziel, die AfD an die Macht zu bringen ist nicht nur ärgerlich sondern illiberal und demokratiegefährdend. Duese Tendenz ist zu stoppen.

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

René Rhinow greift noch einmal ein

René Rhinow*, 1987 bis 1999 FDP-Ständerat des Kantons Basel-Landschaft, gehört zu den führenden Vertretern eines europa- und weltoffenen, sozial, ökologisch und sicherheitspolitisch verantwortungsbewussten, konkordanzbereiten schweizerischen Liberalismus. Mit einem Buch unter dem Titel «Plädoyer für eine offene Schweiz» greift er nochmals ein: In die Auseinandersetzung über den Weg der Schweiz durch die weltpolitischen Umwälzungen.

Weiterlesen »

Was hat die Schweiz von der EU zu erwarten?

In der Schweizer Bevölkerung ist das Vertrauen in die EU weiter gesunken: „Auf einer Skala von 1 bis 7 erzielt die EU von allen abgefragten Akteuren im Bereich Politik und Behörden den tiefsten Wert (3,1)“, steht im „Sorgenbarometer“-Bericht 2019. In einem seltsamen Gegensatz dazu stehen die hohen Erwartungen, die der Bundesrat derzeit in die Rücksichtnahme der EU auf die schweizerische Innenpolitik setzt.

Weiterlesen »