Sie befinden sich hier:

Thüringen, Sachsen: Mehr als zwei Drittel gegen Rechtsextreme

Demokratie verlangt, den Willen der Wählerinnen und Wähler zu respektieren, die gegen Rechtsextremismus wählten: In Thüringen sind dies 67,2 %, in Sachsen 69,4 %. Wie es weitergeht, entscheidet die Fähigkeit und Bereitschaft dieser heterogenen Mehrheiten, eine Regierung zu ermöglichen: Eine Koalitionsregierung oder eine geduldete Minderheitsregierung.

Der Niedergang der Ampel-Parteien ist eine Warnung vor dem Zusammenschluss von Parteien mit allzu grossen Differenzen zu einer Regierungskoalition. Partnerparteien solcher Regierungen verlieren infolge der Kompromisse, die sie eingehen müssen, mehr und mehr die Unterstützung ihrer Basis, und die Regierung zeigt sich immer zerstrittener. Am härtesten trifft dies jetzt die FDP, da sie eine rotgrün geprägte Regierungspolitik mitverantworten muss.

Der thüringische CDU-Chef Mario Voigt erinnerte am Wahlabend daran, dass Thüringen bisher durch eine Minderheitsregierung regiert worden sei, unter dem Ministerpräsidenten Bodo Ramelow von der Linkspartei. Er wollte damit wohl andeuten, dass auch er bereit wäre, eine Minderheitsregierung zu führen, wenn ihm die Parteien, mit denen er rein numerisch eine Koalition bilden könnte, unannehmbare Bedingungen stellen. Das deutsche Verfassungsrecht begünstigt Minderheitsregierungen, aber in den Konstellationen, die nun in Thüringen und Sachsen eingetreten sind, müssten sie mit dem rechnen, was wir in der Schweiz „unheilige Allianzen“ nennen, also vereinte Ablehnung von Regierungsvorlagen durch AfD und Bündnis Wagenknecht (in der Schweiz durch SVP und RotGrün), mit unterschiedlichen Begründungen. Unmöglich ist es trotzdem nicht, unter solchen Voraussetzungen zu regieren, und vielleicht ist es die einzige Möglichkeit.

Sachpolitisch können sich die Wahlergebnisse vor allem auf die Migrationspolitik sowie auf die Ukraine- und Russlandpolitik auswirken. Die Verschärfung der Migrationspolitik ist bereits angelaufen und wird nun wohl beschleunigt. Was in Afghanistan mit Straftätern geschieht, die dorthin abgeschoben werden, spielt bereits jetzt keine Rolle mehr: Die Taliban mögen die einen als Gesinnungsfreunde willkommen heissen, die andern einsperren und misshandeln.

Wladimir Putin hat durch die Wahlen in Thüringen und Sachsen und das Abrücken des sächsischen CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer von der Ukraine-Unterstützung eine grosse Chance bekommen – nun fragt sich, ob und wie er sie nutzt. In Deutschland wirkt seine Drohpropaganda. Verständlich: Viele Deutsche erinnern sich wieder stärker an die Vernichtung ihrer Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs. Krassestes Beispiel war wohl Dresden, die Hauptstadt Sachsens. Das Schlaueste, was Putin tun könnte, wäre, die Drohkampagne durch Versuche zur Vertrauensbildung – wenn auch noch so verlogene – zu ergänzen: Wenn Ihr Russland seine Ukraine lässt, respektiere ich die Unabhängigkeit des Baltikums und Polens.

 

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Iran hat die neue arabisch-israelische Allianz mitverursacht. Wie reagiert Russland?

Die iranische Politik der Gegenprovokation hat es Trump ermöglicht, die Vereinigten Arabischen Emirate und Israel zusammenzuführen. Das durch Kronprinz Salman verbrecherisch geführte Saudi-Arabien gehört faktisch und wohl bald auch formell ebenfalls zu dieser Allianz. Iran hat mit seiner Ambition, eine regional dominante Atommacht zu werden, die Israel irgendwann von der Landkarte auslöschen kann, den Bogen überspannt. Wie wird Russland auf diese Entwicklung reagieren?

Weiterlesen »

Taiwan, Ukraine und schweizerische Solidarität

Freundschaft unter den Parlamenten: Eine Mehrheit des Nationalrats will Taiwan mit einer paralleldiplomatischen Sonderbeziehung Solidarität bekunden. Aber der Wert solcher Solidarität beurteilt sich am Verhalten der Schweiz gegenüber der Ukraine.

Weiterlesen »

Die Schweiz braucht Jahre der Erfahrung in der Rolle als EU-Drittstaat.

Die EU könnte ein Experiment mit der Schweiz machen: Rasch und flexibel die Separatabkommen verhandeln, die der Bundesrat wünscht, und dann beobachten, was mit dem Verhandlungsergebnis in der Schweiz geschähe. Es würde durch dieselben Kräfte blockiert, die das Rahmenabkommen zu Fall brachten. Gut möglich, dass der Bundesrat es wiederum selbst beerdigen würde, wie er das Rahmenabkommen beerdigte.

Weiterlesen »