Sie befinden sich hier:

Mehr Demokratie! Was bedeutet dies in den Aussenbeziehungen?

„Die Leute wollen grundsätzlich mehr demokratischen Einfluss auf ihre Zukunft, nicht weniger“, sagt Pierre-Yves Maillard, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, der NZZ in einem Interview*, in dem er seinen Widerstand gegen das Rahmenabkommen nochmals festigt. Nehmen wir dies als Anregung, darüber nachzudenken, was Demokratie für die Gestaltung der Aussenbeziehungen bedeutet und wie unsere demokratischen Entscheide die für die Schweiz bedeutsame Entwicklung ihres europäischen Umfelds beeinflussen.

Wer Demokratie will, fordert Partizipation und Wirkung. Partizipation, die wenig oder nichts bewirkt, sinkt zu frustrierender Betriebsamkeit ab. Wer mag daran auf die Dauer mitwirken?

In den Aussenbeziehungen kann Wirkung durch Kooperation, durch Mitwirkung an internationalen oder supranationalen Entscheidungen erzielt werden – oder durch Widerstand. Ein dritter Weg ist passives Hinnehmen der Entwicklungen rund um das eigene Land.

Das Erzielen von Wirkung durch Mitentscheidung kann die Partizipationsmöglichkeit auf nationaler Ebene einschränken. Fast alle europäischen Staaten haben Wirkung vor landesinnere Partizipation gestellt und sind der EWG, EG, EU beigetreten. Der Einfluss auch kleinerer und mittlerer Länder auf die Entwicklung Europas ist beträchtlich, wie die Beispiele der Niederlande und Österreichs zeigen, um nur zwei zu nennen. Der Beitritt fiel ihnen zweifellos leichter, weil sie keine direkten, sondern repräsentative, parlamentarische Demokratien sind. Aber die Verbundenheit mit der direkten Demokratie darf nicht davon abhalten, die Wirksamkeitsfrage ernst zu nehmen.

Ein Land kann sein Umfeld auch durch Widerstand beeinflussen. Dazu kann es kommen, wenn die Verschlechterung der Beziehungen zur EU einher geht mit einer Konfliktentfaltung zwischen der EU einerseits, Grossbritannien und abgewandten EU-Mitgliedern wie Ungarn und Polen anderseits. Die Schweiz könnte in einem solchen Szenario zur Schwächung der EU beitragen und versuchen, sich bei der EU-gegnerischen Staatengruppe für Nachteile im EU-Raum schadlos zu halten.

Nach mehreren Volksabstimmungen, in denen eine Distanznahme von europäischer Kooperation und von vertraglichen Verpflichtungen abgelehnt wurde, ist derzeit eher unwahrscheinlich, dass die Schweiz auf den Weg einer strategischen Gegnerschaft zur EU oder – falls diese weitere Mitglieder einbüsst – zu einem verbleibenden Kerneuropa geht.

Link zum Interview mit Pierre-Yves Maillard.

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Gelingt es der Ukraine, westliche Staaten voll in den Krieg zu ziehen?

Stellvertreter Krieg führen zu lassen, ist grundsätzlich problematisch. Die Meinung ist dominant geworden, dass die Ukraine die europäischen Demokratien und Rechtsstaaten verteidige. Der bevorstehende Beitritt Finnlands und Schwedens zur NATO zeigt, wie sehr sich diese beiden Staaten bedroht fühlen für den Fall, dass Russland den Ukraine-Krieg gewinnt und Putin seiner Armee neue Aufgaben stellen kann.

Weiterlesen »

Als die ost-mitteleuropäischen und baltischen Staaten der Nato beitraten

Putin stellt die Osterweiterung der Nato als Vorgehen gegen Russlands Sicherheit dar. Aber die ost-mitteleuropäischen und baltischen Staaten suchten bei der Nato Sicherheit vor Russland, nachdem ihnen die Sowjetunion über Jahrzehnte Diktaturen aufgezwungen hatte. Ungarn blickte auf die Niederschlagung des Aufstands von 1956, die Tschechoslowakei auf jene des Prager Frühlings 1968 zurück.

Weiterlesen »

AfD – je mehr Wähleranteil, desto demokratischer?

Alexander Kissler von der Berliner Redaktion der NZZ in deren Ausgabe vom 10.10.23: „Je mehr Menschen sich der AfD zuwenden, desto lächerlicher wird es, die rechte Konkurrenz als in Gänze undemokratisch abzutun. Auch ungeklärte Verbindungen zu Russland und China berechtigen bis jetzt nicht zu diesem wirkungslosen Pauschalurteil.“

Weiterlesen »