Sie befinden sich hier:

Unsere Gesellschaft braucht die Mitarbeit leistungsfähiger Menschen über 65 – jetzt erst recht

Eveline Widmer-Schlumpf, Präsidentin von Pro Senectute Schweiz, wendet sich erneut gegen die Einstufung aller Menschen ab 65 Jahren als Risikogruppe: „Zieht man die Grenze bei 65, werden jene faktisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, die jetzt besonders gefragt sind: die aktiven, fitten Seniorinnen und Senioren.“ – Sie setzt sich auch für die Menschen ein, die in Heimen leben: „Was nicht mehr sein sollte, ist, dass man sie flächendeckend und für längere Zeit einschliesst. Einsamkeit ist eine Qual.“ Und sie appelliert „an alle, in dieser Zeit ganz besonders den Kontakt zu älteren Personen zu pflegen – und zwar regelmässig. Viele Seniorinnen

Auszug aus dem Interview mit alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (EWS), Präsidentin von Pro Senectute Schweiz, erschienen in der „NZZ am Sonntag“ vom 25.10.2020 (Link zum Interview):

Frage:
Corona ist auch ein Generationenproblem. Etwas salopp formuliert, haben die Jungen mit ihrem Verhalten im Sommer erreicht, dass sich nun die Alten wieder vor einer Infektion fürchten müssen.

EWS:
Man darf die Generationen nicht gegeneinander ausspielen. Es ist verständlich, dass die Jungen das Bedürfnis haben, hinauszugehen, sich zu treffen, Party zu feiern. Das ging uns damals ja auch so, als wir noch jünger waren. Sie haben viel Einschränkungen in Kauf nehmen müssen im Frühling. Ich kenne übrigens auch einige sorglose ältere Frauen und Männer, die sagen: Ich habe mein Leben gelebt, und es war gut, es ist nicht schlimm, wenn mich das Virus erwischt. Irgendwann muss man ja gehen. In einer Pandemie tragen aber auch sie eine Verantwortung anderen gegenüber. Solidarität ist keine Einbahnstraße und muss von allen gelebt werden.

Frage:
Die Krise kostet viel Geld, die Jungen werden das ausbaden müssen, ihre Renten sind alles andere als gesichert, während viele Rentner heute auf Rosen gebettet sind. Wie steht es um die Solidarität der Alten?

EWS:
Da muss man differenzieren. Längst nicht alle Rentnerinnen und Rentner sind auf Rosen gebettet. Vor allem ältere Frauen haben oft nicht viel mehr als ihre AHV. Aber ich teile Ihre Meinung, dass wir auch über die Generationensolidarität von Alt zu Jung sprechen müssen und dass auch die Älteren gefordert sein werden bei der Bewältigung der Schäden, welche die Corona-Pandemie hinterlässt. In welcher Form dies geschieht, darüber wird noch zu diskutieren sein. Tatsache ist, dass die Solidarität der Seniorinnen und Senioren heute schon groß ist.

Frage:
Inwiefern?

EWS:
Denken Sie an die Freiwilligenarbeit: Diese wird zu einem großen Teil von den 64- bis 75-Jährigen geleistet. Im Durchschnitt leisten Frauen und Männer in diesem Alter pro Woche drei bis vier Stunden Freiwilligenarbeit. Dazu kommt, dass viele Großeltern und Urgroßeltern ihre Enkel oder Urenkel hüten, damit deren Eltern berufstätig sein können. Das könnte man alles auch monetarisieren. Das Thema Generationensolidarität und Beitrag der älteren Generation wird bei Pro Senectute sehr breit diskutiert.

(…)

Frage:
Sie sind jetzt 64, also beinahe in der Risikogruppe. Wie halten Sie es mit Ihrem Schutzkonzept?

EWS:
Ich trage seit April stets eine Maske, wenn ich außer Haus gehe. Dafür wurde ich anfangs öfters komisch angeschaut. Die aktuelle Altersgrenze „65 plus“ des BAG ist unglücklich und etwas willkürlich. Wir wissen heute, dass man nicht allein aufgrund dieses Alters zu den Menschen gehört, die sich besonders schützen müssen.

Frage:
Sie haben sich schon verschiedentlich gegen die Altersgrenze 65 gewehrt. Warum eigentlich?

EWS:
Es ist zwar medizinisch erwiesen, dass das Immunsystem ab 50 zunehmend weniger leistungsfähig ist. Und es ist ein Fakt, dass es mit zunehmendem Alter mehr Vorerkrankungen gibt. Aber das heißt nicht, dass man mit 65 plötzlich besonders gefährdet ist. Das BAG kommuniziert dies leider immer noch so auf der Homepage.

Frage:
Was wäre die bessere Definition?

EWS:
Gefährdet sind ältere Personen mit einer Vorerkrankung und hochaltrige Personen ab 80 Jahren. Bei ihnen weiß man, dass es viel häufiger zu schweren Verläufen kommt.

Frage:
65 ist doch viel einfacher.

EWS:
Einfacher schon, aber falsch und nachteilig für die Gesellschaft. Zieht man die Grenze bei 65, werden jene faktisch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, die jetzt besonders gefragt sind: die aktiven, fitten Seniorinnen und Senioren. Wer geht dann zu den betagten, kranken, einsamen Leuten? Wer erledigt ihre Einkäufe, liefert ihnen Mahlzeiten nach Hause? Die kantonalen und interkantonalen Pro-Senectute-Organisationen mussten im März große Anstrengungen unternehmen, weil sie die Freiwilligen im Alter über 65 Jahren nicht mehr einsetzen durften. Zum Glück halfen im ersten Lockdown viele Jüngere aus. Doch diese sind jetzt wieder zurück im Beruf und haben entsprechend weniger Zeit. Kommt dazu, dass Seniorinnen und Senioren auch eine wichtige Konsumentengruppe geworden sind, die man ohne Not nicht ausschließen sollte.

Frage:
Diesen Fehler aus der ersten Welle darf man nicht wiederholen.

EWS:
Nein, das sollte man nicht. In der Vernehmlassung zum Covid-19-Gesetz konnten wir bereits erreichen, dass diese starre Altersgrenze rausgenommen wurde.

(…)

Bild von Ulrich Gut

Ulrich Gut

Ulrich Gut (1952), Dr. iur., wohnt in Küsnacht ZH. Der ehemalige Chefredaktor und Kommunikationsberater kommentiert auf Online Plattformen politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Er präsidiert UNSER RECHT und ch-intercultur. 2009-2020 war er Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.

Beitrag teilen

PDF erstellen oder ausdrucken

Schreibe einen Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

Kommentar abschicken

Ähnliche Artikel

Zweimal geimpft und trotzdem gefährdet und ansteckend. Führt das wieder zum Shutdown für Alle?

Ein Beispiel, das um die Welt geht: Der britische Gesundheitsminister ist an COVID erkrankt, obwohl er zweimal geimpft war. Boris Johnson ist in Selbstisolation, weil er mit ihm konferiert hatte. Der Gesundheitsminister ruft aber erst recht zum Impfen auf, weil er dank zweimaliger Impfung nur milde Symptome habe: „He said: „I’m grateful that I’ve had two jabs of the vaccine and so far my symptoms are very mild.“ (…) He urged people who had not been vaccinated yet to „get out there and get them as soon as you can“.“*

Weiterlesen »

Wenn sich am Arbeitsplatz eine Krankheit bemerkbar macht. Zum Beispiel eine Demenz.

Wenn die Leistungsfähigkeit, die Zuverlässigkeit, das Erinnerungs- oder Orientierungsvermögen einer oder eines Mitarbeitenden oder Vorgesetzten allmählich zurückgeht, sind die ersten Reaktionen des Arbeitsumfelds oft ungerecht, kränkend, belastend. Es kann zur Kündigung kommen, bevor an eine medizinische Abklärung gedacht wird. Mit einer Publikation „Demenz und Arbeitsleben“* gibt Alzheimer Schweiz nun Rat, wie Firmen, Arbeitnehmerin, Arbeitnehmer und Angehörige im gemeinsamen Interesse besser mit solchen Schicksalsschlägen umgehen können. Zu wünschen und zu hoffen ist, dass sie bei Firmen und Verbänden auf Interesse stösst, und dass Alzheimer Schweiz in der Folge auf gute Beispiele hinweisen kann.

Weiterlesen »