Putin verhält sich vorsichtig und wohl abwartend. Islamismus – sei es der iranische oder derjenige der Muslimbrüder – ist grundsätzlich nicht sein Ding. In Tschetschenien lässt er ihn durch seinen Statthalter Kadyrow mit harter Hand niederhalten. Gegenüber Israel hat er keine Berührungsangst. Noch im Januar dieses Jahres empfing er Netanyahu in Moskau und liess, diesem zu gefallen, eine israelische Gefangene frei (Link).
Blicken wir nach Libyen, so stellen wir fest, dass Putin gegenüber der Türkei seine Übermacht nicht einsetzt, um General Haftar zum Sieg zu verhelfen. Die Prognose, Putin werde seine libysche Beute nicht mehr fahren lassen, hat sich bisher nicht erhärtet.
Ein weiteres Indiz für die vorsichtige russische Politik: Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee hat zwar nicht nur die griechische, sondern auch die russische Orthodoxie empört, deren Leitung Putin nahe steht, aber der Vorgang hat sich, jedenfalls soweit aus den internationalen Medien ersichtlich, nicht auf die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei ausgewirkt. Die osmanische Machtpolitik Erdogans mag Putin solange willkommen sein, als sie NATO und EU herausfordert und womöglich schwächt.
Putin ist vor allem Realpolitiker. Konrad Schuller schrieb in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ vom 16.8.2020, Putin sei eher ein Schnäppchen- als ein Grosswildjäger. Der kalt kalkulierende Ex-Geheimdienstler packt zu, wenn er eine günstige Relation von Aufwand und Ertrag erwartet. Falls Teheran den Konflikt militärisch eskalieren lässt, wäre es kaum realistisch, wenn die Mullahs mit russischer Waffenhilfe rechnen würden.