Vielleicht haben einige Befürworter der 10-Millionen-Initiative gemerkt, dass ihre Behauptung, ohne Zuwanderung hätten wir keinen Personalmangel bei Spitälern, Heimen und Spitex und bräuchten kein ausländisches Heil- und Pflegepersonal, nicht wie gewünscht überzeugt. Ja, auch Zugewanderte können in Spitäler und Heime kommen und Spitex benötigen. Aber viele Mitbürgerinnen und Mitbürger sind mit diesem Lebensbereich gut vertraut, sei es, weil sie selbst krank sind oder waren, selbst alt sind, oder Menschen, die ihnen nahe stehen. Sie erkennen, dass nicht die Zuwanderung, sondern die demographische Entwicklung die Hauptursache der steigenden Nachfrage nach Therapie, Pflege und Betreuung ist, und dass unsere Spitäler, Heime und Spitexorganisationen längst auf ausländisches Personal angewiesen sind.
SVP-Nationalrat Pascal Schmid hält uns nun vor, wir seien übergepflegt und überbetreut. In der „SonntagsZeitung“ vom 19. April 2026 lässt er sich so zitieren: „Wir haben viel mehr Pflegepersonal pro Kopf als andere europäische Länder. Laut OECD-Statistik ist das Betreuungsverhältnis in der Schweiz so gut wie in keinem anderen Mitgliedsland.“ – Das mag ja sein. Wenn das Gesundheits- und Alterssystem in anderen Ländern weniger ausgebaut ist als in der Schweiz, mag man dies bedauern. Aber erfährt sich die Schweizer Bevölkerung wirklich als übergepflegt und überbetreut?
Gehen wir doch auf dieses Thema ein – und fragen wir nach Strategie und Massnahmenplan der SVP: Wie will sie die Überpflege und Überbetreuung, die uns Nationalrat Schmid vorhält, abbauen? Welche Länder müsste die Schweiz nach Ansicht der SVP als Vorbilder, als Benchmarks nehmen?
Seine Aussage steht in einem lesenswerten Bericht unter dem Titel „Gesundheitsbranche warnt vor Pflegenotstand wegen 10-Millionen-Initiative“ (Link). Auszug:
„Einfach nichts. Wochen- und monatelang. Andrea Ott Wabel sucht Pflegefachleute, um Betagte in fünf Toggenburger Gemeinden zu betreuen. Deren Zahl steigt rasant, die Menschen wollen auch im Alter möglichst lang im eigenen Heim bleiben. An einem Tag allein erhielt die Spitex Toggenburg vor kurzem sieben neue Anmeldungen.
Doch wenn Ott Wabel Inserate schaltet für Pflegefachkräfte, gehen keine Bewerbungen ein. Zwei offene Stellen kann ihr Spitex-Verein in Wattwil derzeit nicht besetzen. Das bekommen die Betagten zu spüren. «Sie wollen eine tägliche Körperpflege, und wir sagen dann: Dreimal pro Woche können wir Ihnen aktuell anbieten, mehr nicht», so die Pflegeleiterin. «Das stinkt den Klienten natürlich, weil die Lebensqualität darunter leidet.» (…)
So ausgetrocknet wie im Toggenburg ist der Markt in den meisten Schweizer Regionen. 7000 Stellen für diplomierte Pflegefachpersonen waren Ende des vergangenen Jahres ausgeschrieben, 8000 weitere Stellen mit niedrigeren Pflegeanforderungen. Das sind etwas weniger als noch ein Jahr davor, aber die Zahl steigt bereits wieder.
Besonders viele Stellen sind in der Zentral- und in der Ostschweiz offen. (…)“
Es geht auch um Pflege und Betreuung durch Angehörige
Sollte die SVP wirklich mit Strategie und Massnahmenplan gegen angebliche Überpflege und Überbetreuung aufwarten, müsste sie auch auf die Angehörigenpflege und Angehörigenbetreuung eingehen. Je weniger Spitex, und je grösser die Schwellenangst vor dem Eintritt in ein Heim mit Personalmangel, desto mehr Pflege- und Betreuungsarbeit bleibt bei den Angehörigen, oft bei Töchtern und Schwiegertöchtern. Oft werden sie vor die Entscheidung gestellt, ihre Erwerbsarbeit zu reduzieren oder ganz darauf zu verzichten, um Pflege- und Betreuungsarbeit zu leisten. Das mag ja dem Ideal entsprechen, das ein Teil der SVP-Initianten von den Geschlechterrollen hat. Aber es ist ein Armutsrisiko, und Verzicht auf Erwerbsarbeit kann auch Verzicht auf Sinngebung bedeuten.
Denen Gehör schenken, die an der Sache arbeiten, um die es geht
Hier wie bei anderen Kontroversen stehen wir als Bürgerinnen und Bürger, die abstimmen wollen, vor der Frage: Wessen Beurteilung, wessen Empfehlung ist uns wichtig? Wir tun jedenfalls gut daran, denen Gehör zu schenken, die an der Sache arbeiten, um die es geht, also beim hier behandelten Thema den Verantwortlichen für Pflege und Betreuung, für Spitäler, Heime und Spitex, und auch Patientenorganisationen und beispielsweise Alzheimer Schweiz und ihren Kantonalsektionen (zur Transparenz: Ich war 2009 bis 2020 Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.). Mag sein, dass diejenigen, die an der Sache arbeiten, nicht immer in der Lage oder bereit sind, grösseren Zusammenhängen und anderen Interessen genügend Rechnung zu tragen. Die Stimme, die wir abgeben, resultiert immer wieder aus Interessenabwägungen. Aber hierfür müssen wir ernst nehmen, was für die Direktbetroffenen, die Verantwortlichen, auf dem Spiel steht.