Man muss Trump nicht mögen, heisst es oft (auch nach dieser Woche wieder). Aber man sollte ihn richtig einordnen. Ohne Empörung, ohne Hysterie.
Das klingt vernünftig, und im Grundsatz ist dagegen auch nichts einzuwenden. Oft aber erzählt diese Rhetorik mehr über ihre Absender als über das, was sie zu analysieren vorgibt. Besonders deutlich wird das in jenen Kreisen in Politik, Medien und Wirtschaft, die immer noch jede neue Zuspitzung Trumps erklärbar machen wollen – im verzweifelten Bemühen, ihr etwas Sinnvolles oder Produktives abzugewinnen. Ob es um den Zollkrieg geht, die Preisgabe der Ukraine oder die Angriffe auf die Demokratie.
Es ist eine simple rhetorische Figur, die sich dabei zeigt: die des Anti-Hysterikers. Sie lebt vom Abgrenzungsgewinn. Sie stellt sich über die «Empörten», die «Moralisten», die «Alarmisten». Und gewinnt daraus Deutungshoheit – nicht durch bessere Argumente, sondern durch die Haltung, nicht so wie die anderen zu sein.
Diese Form der intellektuellen Nachsicht folgt einem Muster: Sie beobachtet, kommentiert, gefällt sich in der Pose der kühlen Rationalen – aber sie scheut klare Benennungen. Sie zieht keine Linie, weil jede Linie als Übertreibung gilt. Stattdessen wird Trumps Verhalten so lange relativiert, umgedeutet oder schöngeredet, bis es in ein Raster passt: als Provokation mit System, als strategischer Schachzug oder Ausdruck geopolitischer Verschiebungen.
Man erkennt die Anti-Hysteriker daran, dass nicht Trump und seine Politik beurteilt werden, sondern die Reaktion darauf. Nicht die Handlung, sondern die angebliche Hysterie über die Handlung. Daraus ergibt sich eine seltsame Verkehrung: Ausgerechnet die Warner vor Überhitzung wirken oft wie Getriebene – getrieben von einem Reflex zur Relativierung.
So verschiebt sich der Fokus. Am Ende erscheint nicht Trump als Problem, sondern jene, die ihn für eines halten. Und das betrifft nicht nur Amerika. Wer sich mit demokratischer Kultur beschäftigt, erkennt: Diese Haltung hat Wirkung. Auch hier, bei uns.
* Alan Cassidy veröffentlichte diesen Text am 4. April 2025 bei LinkedIn. Ich danke ihm für seine Zustimmung zur Aufnahme als Gastbeitrag in PolitReflex. Alan Cassidy studierte an der Universität Zürich Politikwissenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Er war Redaktor bei Schweizer Zeitungen. Mit der US-amerikanischen Politik machte er sich als USA-Korrespondent vertraut.
1 Kommentar
Ich denke Trumps Vorgehen hat System. Er weiss, dass das Chaos das er schafft auch in zwei Jahren noch längst nicht überwunden sein wird. Doch dann sind Wahlen, also was tun? Dafür sorgen, das diese Wahlen manipuliert sein werden oder besser gar nicht stattfinden.
Man sollte diese Figur und seine Einflüsterer nicht unterschätzen.